Sinnblock

von Lukas Böhl

Geschriebenes

Mann, der Alkohol

M

Fast wie Geröll, das in einer ohrenbetäubenden Lautstärke einen Felskamm in der Ferne heruntergepoltert kam, hörte sich sein Rülpser, der die leeren Biergläser oben auf der Ablage zum Erschüttern brachte, von meinem Platz aus an. Die wenigen Gäste, die zu so später Stunde noch in dieser abgeratzten Spelunke hockten, nahmen keinen Anstoß daran. Den ganzen Abend schon beschäftigte mich der Kerl...

Die Hilfe des Arztes

D

Noch war Zeit. Noch konnte ich meinen Launen eine Weile nachhängen. Der Herbst brachte die langersehnte Kälte mit sich. Im Fernseher brüllte ein amerikanischer Präsident seine Gegner an. „Why can’t you just be happy?“, warf er ihnen mit großen Gesten in seinem vergrämten Zynismus entgegen. Die Menschen machten Glück für alles verantwortlich. 2018 gab es alles und jeden. 7 Milliarden Wege zum...

Mein Selbst

M

Es war Nacht. Draußen herrschte ein Kampf der Jahreszeiten. Der Frühling wollte Sommer werden und der Winter dachte, er müsse noch ein Wörtchen mitreden. Ich stand an die Wand eines Hauses gelehnt, um nicht vom Regen völlig durchnässt zu werden. Die schweren Tropfen fielen schon lange nicht mehr, sondern schlugen wie kleine Gewehrkugeln auf die Straße ein, wo sie die Trockenheit der vergangenen...

Der Geist der Zigarrenfabrik

D

Der Herbstwind wehte über den Spielplatz und drehte das kleine Stehkarussell wie von Geisterhand. Jan saß im Gras zwischen den gefallenen, braun gewordenen Blättern und rupfte einzelne Büschel samt der Wurzel aus der Erde. Maxi hing kopfüber vom Klettergerüst und zog Grimassen, die den vielen Erwachsenen galten, die ihn in seinem Leben enttäuscht hatten. Obwohl gerade Ferien waren, spielten die...

Hocker am Tresen

H

Jedes Glas leer, jede Geschichte zu Ende erzählt.Jeden Traum niemals erlebt, jede Frau nie kennengelernt.Alle Sorgen gehabt und wieder vergessen.Keine Kinder, die Zuhause warten.Jedem Freund ein gutes Wort gesagt,für sich selbst nie eins gefunden,nur einen weiteren Euro,der noch für ein Bier reichte.Zwei Finger für zwei Augen des Barkeepers:Ein Zeichen für noch eins.Reflektionen im Glas von...

An der Bordsteinkante

A

Ich lungerte schon eine Weile an dieser Ecke herum. Es war nur eine Kreuzung, über die ich jahrelang mein Auto gesteuert hatte, um zu meiner Wohnung zu gelangen. Ein merkwürdiger Impuls hatte mich hergebracht oder eine undefinierte Laune, so genau wollte ich das nicht wissen. Hier zu sein fühlte sich richtig an, denn es war sonst niemand hier. Die Sonne knallte unbarmherzig von oben herab, ich...

Der Schattenmann

D

„Er ist verrückt“, dachte sich der kleine Jan, der im Treppenhaus des Mehrfamilienhauses saß, in dem er mit seinen Eltern wohnte und den Kater der Nachbarin streichelte. „Herr Veith ist alt und verrückt“. Seine Tür stand immer einen Spalt weit offen, egal ob bei Tag oder Nacht, und man hörte ihn wirres Zeug flüstern. Wenn es so leise war wie jetzt, glaubte man, die Worte entschlüsseln zu können...

Ein dummer Zufall

E

Ein fremder Typ läuft in eine Bar und sieht diesen anderen Kerl, ein Stammgast, ein Trinker. Er hockt sich zu ihm an den Tresen, winkt dem Kellner zu und bestellt ein Bier. Der andere bemerkt ihn gar nicht. Er hängt über seiner Flasche wie ein Baby, das beim Brustfüttern eingeschlafen ist und zählt die Wasserflecken auf dem Tresen. Der Kellner bringt das Bier und fragt den Fremden, ob er von hier...

White End (again)

W

Melted snow, a police car.A man in a coat.A view outside from a nice clean office.A world not set for winter, snow without coldness.A man with a job feels like a mouse in a box.Though the window is big, it’s not big enough to see the whole world.Behind those mountains there are always more mountains.Naked trees, a village lost.Its the white end again, like six months ago in Thailand.A year...

Das Ende einer Fliege

D

Es war früh am Sonntagmorgen, der alte Kuhn saß über seiner Tageszeitung und wunderte sich über das Wetter der nächsten Tage. Mit aller Zeit der Welt schlürfte er seinen Kaffee und ließ seinen Blick immer wieder über die Terrasse auf seinen kleinen Garten schweifen, der in einem saftigen Grün mit lilafarbenen, gelben und orangen Akzenten in voller Pracht blühte. Er war sehr mit sich und seiner...

Aktuelle Beiträge