Sinnblock

von Lukas Böhl

Geschriebenes

Der alte Künstler von nebenan

D

In der Wohnung gegenüber wohnte ein alter Mann. Bevor er in Rente gegangen war, war er Künstler gewesen, hatte er mir einst erzählt. Seiner Einrichtung nach zu urteilen, war er nicht unerfolgreich gewesen. Neben all den Anekdoten, die er mir aus seinem früheren Leben erzählt hatte, war es ihm nie in den Sinn gekommen, mir seinen Namen zu nennen. An seiner Klingel stand nur „Maler i. R.“, was...

Unsichtbarer Feind

U

Die Straßenlichter erleuchten mein Zimmer, doch können sie den Feind nicht sichtbar machen, der mich hier gefangen hält. Also starre ich weiter in den Fernseher, um hinter die Mauern meiner vier Wände zu schauen. Warten, bis etwas geschieht und hoffen, dass nichts passiert, lautet die Devise dieser Tage. Ich sehe meinen Nachbarn auf dem Balkon gegenüber und bin ihm nicht näher, als den Menschen...

Fallen für dich

F

Ich fiel für dich, aber nicht in echt. Eher metaphorisch, wie die Engländer. Andererseits, eine Weile fiel ich tatsächlich. Durch Kaninchenbauten und nummerierte Wolkengebilde. Ausgemachter Unsinn, hätte im Nachhinein die grüne Brille kaufen sollen. Und der Doktor erkannte die Insekten im Bauch, konnte sich die Ursache aber nicht erklären. Es ist alles in meinem Kopf, sagte ich und verließ seine...

Geisterkneipe

G

Draußen an der Tür haftet ein Schild: Geschlossen von 0 bis 24 Uhr. Die Schnapsflaschen stehen in Reih und Glied, seit Wochen hat sie niemand angerührt. Die Aschenbecher sauber wie nie, die Mücke von der Theke längst arbeitslos. Sie zieht einsam ihre Bahnen in einer Geisterkneipe. Ärgert sich, dass Geister keine Laster haben. Und so erhalten nur die Engel ihren Schluck, bis die Schnapsdrosseln...

2020 mit 220

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Ich hänge mich an die roten Lichter und verschwinde in der Nacht. Die weißen Streifen halten mich auf Kurs, während ich meine müden Augen an die Rückleuchten der Autos vor mir hefte. Solange ich Asphalt unter mir habe, bin ich richtig. Hätte ich gesehen, was vor uns liegt, hätte ich in den Rückwärtsgang gewechselt: direkt nach 1994. Jetzt bleibt nur die Flucht nach vorn und die Hoffnung, dass...

Winter im Frühling

W

Ihr könnt euch die Geschichte dank Katja Wakeham jetzt auch anhören: „Ich sehne mich nach dem Sommer…“, sagte er mit gedankenverlorener Stimme aus dem Fenster blickend, mehr zu sich selbst, als zu seiner Freundin, die ein paar Meter hinter ihm stand, von wo aus sie ebenfalls rausschaute. „Wohl eher Winter!“, stellte sie ungläubig fest, als sie sah, dass es kleine Schneeflocken aus dem...

Auf der Bank

A

Draußen bei den Feldern, weit hinten am Waldrand, stand eine Bank, auf der ich meine Mittagspausen verbrachte. Ich teilte sie mir mit einem Bären. Gemeinsam starrten wir in die Ferne; ich bis zu den Baumwipfeln, er über den Horizont hinaus. So teilten wir uns die Aussicht gerecht auf. Der Bär sprach nicht, überhaupt erweckte er nicht den Anschein, als hätte er Interesse an einer Konversation. Wir...

GTA

G

Wieder so eine Nacht, mein Verstand will irgendwohin. Kann ihn nicht fassen, fahre stundenlang in GTA durch die Straßen, um ihn vielleicht noch irgendwo zu erwischen. Der Bildschirm simuliert Bewegung, die Gedanken liefern genug Treibstoff für meine geisterhafte Reise. Allein in meinem Zimmer komme ich weiter, als mich meine Füße oder ein Auto oder ein Flugzeug je bringen könnten. Reise von A wie...

Dichtwoch #52 – Jahresende

D

Die letzten Tage des Jahres schmelzen dahin wie der Schnee, der nicht gefallen ist. Die letzten Überbleibsel des diesjährigen Ichs werden verzehrt, wie die Krümel des Kuchens von Omas Hund. Die Tage werden kürzer, wenn das Jahr endet. Noch einmal schlendert man in Winterklamotten an alten Verhaltensmustern entlang. Die ersten Vorsätze fürs neue Jahr werden gemacht, zu den Silvesterraketen gepackt...

Dichtwoch #51 – Zeitmesser

D

Zeit und Zeit und Zeit… gibt es da kein anderes Wort? Eines nicht so abgenutzt und beschmutzt durch unendlichen Gebrauch. Die Zeit, sie rennt nicht mehr, sie hat das Fliegen gelernt und entgleitet mir, wo ich mich leise an sie heranschleiche. Ein Tag, ein Jahr, eine Dekade, da ist doch nichts, was bleibt! Mit Leib und Seele befestige ich mich an weltlichen Dingen, an denen die Zeit schon...

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