Kurz vor Ende der Welt

Es ist kurz vor Ende der Welt. Danny und ich sitzen hinter einer eingestürzten Tanke und fischen Mondquallen aus den alten Benzintanks. Der ganze Fake-Scheiß ist endlich vorbei. Danny hat es immer gewusst und ich bin froh, ihn nie ganz aus den Augen verloren zu haben."

Um uns herum absolute Stille, alles Menschengemachte liegt in Schutt und Asche. Der Sensenmann fährt in seinem Leichenwagen die schwarzen Straßen auf und ab. In der Ferne hört man unaufhörlich seinen Motor brummen. Hat viel zu tun, der arme Kerl. Wir hören nur der Stille zu. Zum Ende von allem Bekannten gibt es keine Worte, die ein Mensch ersinnen kann. Schließlich war keiner von uns von Anfang an dabei.

Wenigstens sind wir zu zweit in dieser mondhellen Nacht. Wahre Freunde bis zuletzt. Die Mondquallen, die wir fangen, lassen wir zum Himmel aufsteigen. Wie Feuerfunken schwingen sie sich ungelenk in die Höhe, zurück dorthin, wo sie herkamen. Alles geht jetzt nach Hause. Aber Danny will wie immer der Letzte sein. Bis zum Schluss anders. Bis zum Ende ungebeugt. Bis es so weit ist, teilen wir die Sterne unter einander auf. Mehr als 100 Milliarden für jeden. Niemand mehr da, dem man sie verkaufen kann.

Nach einer Weile steht Danny auf und sagt mir, es sei Zeit. Nein, protestiere ich. Noch nicht. Doch er meint, ich soll die Brille abnehmen, die Augen aufmachen und allein nach Hause finden. Mein Widerspruch lässt ihn kalt. Er schnappt sich die Tentakeln einer riesigen Qualle und steigt mit ihr auf. Leb wohl, höre ich ihn noch rufen. Bald darauf verliere ich das Gespann aus den Augen. Sie sind nur noch ein schwarzer Punkt, der sich auf den Mond zubewegt.

Er hat es ernst gemeint. Auch ich muss gehen. Rückwärts schreite ich den Weg entlang, der uns hergeführt hat. Und jeder Schritt setzt einen Teil der Welt zurück an seinen Platz. Häuser bauen sich wieder auf, überall erwachen Menschen zum Leben und Bäume springen vom Boden auf ihren Stumpf zurück. Nach Stunden bin ich da angelangt, wo ich Danny getroffen hatte. Alles ist wie früher.

Niemand scheint das Ende von allem Bekannten bemerkt zu haben. Nur er war nicht da. Ich sehe zum Himmel hinauf. Der Mond leuchtet schon schwach durch das Blau des Tages. Ein Abschied, der seiner würdig ist. Ein Lebewohl, das für immer gilt. Dann mach’s gut, mein Freund!

Von Lukas Böhl

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