Ich zeige dir meinen Gott, wenn du mir deinen zeigst

Die Geschichte könnt ihr euch dank Edis König jetzt auch in dieser filmreifen Vertonung anhören. An dieser Stelle nochmal herzlichen Dank an den Sprecher!

Wir beobachten das Geschehen in einer nicht weiter erwähnenswerten Kneipe. Es ist so spät, dass der Barkeeper bereits mehrere Male die letzte Runde ausgerufen hatte. Doch immer wieder war daraus die vorletzte, vorvorletzte oder vorvorvorletzte geworden. Schuld daran war ein Mann, der schon seit einigen Stunden am Tresen hockte und ihn in ein tiefgründiges Gespräch nach dem anderen verwickelte."

Wenn wir die Ohren ein wenig spitzen, hören wir über den Trubel der restlichen Gäste, dass es um den Glauben geht. Denn der Mann am Tresen ist nicht irgendjemand, er ist ein Pfarrer. Einer, den man sonst nicht hier sieht. Im Moment spricht er darüber, dass diese Kneipe besser besucht ist als seine sonntäglichen Predigten. Allerdings ist keine Wehmut in seiner Stimme zu hören. Er stellt es nur ernüchternd fest. Alles andere als nüchtern ist der Mann, der jetzt auf die Theke zustolpert, um nochmal nachzubestellen.

Der Barkeeper versucht ihm zu erklären, dass er ihm nichts mehr ausschenken kann, aber die Schnapsdrossel lässt nicht locker. Es sieht so aus, als hätte er ausreichend Überzeugungskraft aufbringen können. Der Barmann bewegt sich in Richtung Zapfanlage, um ihm seinen Getränkewunsch zu erfüllen. Nun starrt der Betrunkene den Pfarrer an.

„Bist Pfarrer, hä?“, geht er ihn an.

„Im Moment bin ich nur ein Gast wie Sie.“

„He he, also auch ein Trinker! Weißt du, was, Pfarrer?“

„Nein, was denn?“

„Gottes Wege sind so unergründlich wie mein Magen. Ich weiß einfach nicht, wo das ganze Bier hingeht. Nicht mal auf’s Klo muss ich.“

„Das ist schön für Sie. Gott freut sich bestimmt über dieses Kompliment!“

„Jap! He Pfarrer, ein kleines Spiel: Wie wär’s?“

Inzwischen hatte der Trunkenbold sein Bier erhalten und bereits einen großen Schluck daraus getrunken. Auf die Einwände des Barkeepers, den Herrn Pfarrer in Ruhe zu lassen, geht er nicht ein. Der Pfarrer scheint ohnehin nicht zu wollen, dass er verschwindet.

„Na gut, ein Spiel also.“

„Gut, pass auf! Und zwar geht das so: Ich zeig dir meinen Gott, wenn du mir deinen zeigst. Also los. Du zuerst!“

Der Pfarrer macht ein nachdenkliches Gesicht. Eine sofortige Antwort hat er nicht. Er überlegt und überlegt und überlegt. Keiner der beiden anderen sagt ein Wort. Der Pfarrer schaut zur Decke auf. Die Blicke der anderen folgen ihm. Sein Blick senkt sich. Die anderen schlagen die Augen nieder.

„Da war er! Haben Sie ihn gesehen“, sagt der Pfarrer mit einem verschmitzten Lächeln.

„Da war gar nichts!“, blökte der Trunkenbold.

„Sicher? Warum haben Sie dann nach oben gesehen? Für einen Augenblick wenigstens haben Sie geglaubt, da sei etwas. In diesem Moment formulierte Ihr Gehirn den Verdacht, dass Gott wirklich existiert. Dass er dort zu finden sei, wo mein Blick Ihre Augen hinleitete. In diesem Bruchteil einer Sekunde hat Gott existiert, weil Sie daran geglaubt haben. Sie haben soeben die volle Kraft des Glaubens erfahren. Mehr habe ich in dieser Sache nicht anzuführen.“

Der Barkeeper schlägt begeistert die Hände über dem Kopf zusammen, doch der Betrunkene macht ein Gesicht, als hätte man ihm eine unlösbare Matheaufgabe gestellt. Man kann deutlich sehen, wie die Gehirnzellen in seinem Kopf wie wild losfeuern. Er gestikuliert ausufernd mit seinen Händen, als ob sie ihm bei der Lösung des Problems unterstützen können.

„Tja, Pfarrer, nicht schlecht, nicht schlecht. Da hast du mir wirklich zu denken gegeben. Aber vielleicht hast du mich auch ausgetrickst. Das weiß ich erst morgen, wenn ich wieder nüchtern bin.“

„Sie sind dran.“

„Klar! Aber so’n Trick wie du hab ich nicht auf Lager. Mein Gott ist ganz real. Man kann ihn sogar sehen. Hier!“ Der Kerl zeigt lässig auf sein Bier. „Was sagst du dazu, Pfarrer? Erstaunt, was?“

„Ganz im Gegenteil. Zu viel von dem Zeug hält für viele mehr Spiritualität bereit als so manche Predigt in der Kirche. Aber erlauben Sie mir, dass ich nun ein Spiel mit Ihnen spiele.“

„Das ist fair, Pfarrer. Dann mal los!“

„Ich zeige Ihnen meinen Teufel, wenn Sie mir Ihren zeigen.“

Am Gesicht des Trinkers ist klar zu erkennen, dass er darauf nicht vorbereitet gewesen war. Er schaut verdutzt nach unten auf sein Glas, das bereits halb leer ist. Wieder beginnt sein Hirn zu rattern. Das Denken bereitet ihm sichtlich Mühe, aber da ist wohl schon ein Einfall. Hören wir hin, was er zu sagen hat.

„Meinen Teufel willst du sehen?“, fragt der Trinker. „Hier!“, sagt er und zeigt auf seinen Kopf. „Da drin, da ist er. Und wo ist deiner?“

„Oh, ich glaube, Sie kennen ihn schon sehr gut.“

An dieser Stelle sollten wir den beiden nicht länger lauschen. Ziehen wir uns zurück und denken darüber nach, was das eigentlich heißt.

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Von Lukas Böhl

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