NICHTS

N

An jenem Morgen, nach einer Nacht voller seltsamer Träume und hitziger Schweißausbrüche, merkte ich, dass ich nicht mehr ich selbst war. Meine Persönlichkeit hatte sich in drei Teile gespalten. Nicht länger hatte mein Körper die Unstimmigkeiten halten können. Und so hatten sich zwei meiner Teile noch in derselben Nacht auf den Weg gemacht."

Natürlich brach ich am Morgen sofort auf, um mich auf die Suche nach ihnen zu machen. Denn ich hatte Angst, bald nicht mehr zu existieren. Weit draußen, wo die Sonne hin und wieder den Horizont küsste, und von dort noch drei Schritte rechts, fand ich den ersten Teil. Wie auf einer Totenmesse schritt er dahin, setzte immer wieder den einen Fuß vor den anderen.

Eine Weile folgte ich ihm, leise und ohne mich zu Erkennen zu geben. Wir liefen, Stunden und Tage, Tage und Wochen und als ich glaubte, ich könne nicht mehr, da liefen wir noch ein ganzes Jahr. Doch angekommen waren wir nicht. So tat ich einige schnelle Schritte, um mit ihm gleichzuziehen. Er bemerkte mich und sagte: „Du folgst mir schon lange. Doch je mehr Zeit vergeht, desto kürzer fühlt sie sich in der Rückbetrachtung an. Wenn wir den ganzen Weg rückwärts gingen, wären wir schneller da, als wir blinzeln könnten. Ist es nicht so? Wo willst du hin?“

„Zu Gott.“

„Dann folge mir.“

„Du gehst schon so lange und bist immer noch nicht dort.“

„Ich kenne den Weg, doch kenne ich nicht das Ziel. Darum habe ich dich verlassen.“

„Ich war es, der dich hat gehen lassen.“

„Vielleicht ist das eine wahr, vielleicht das andere.“

„Wo ist der Rest von uns?“

„Er sitzt unter den Wurzeln eines Baumes, den der Mond auf seinem Weg ab und zu streift.“

„Zeige mir den Weg.“


„Dorthin musst du gehen. Leb wohl!“


„Leb wohl!“

Alleine streifte ich durch die Dunkelheit, dem weißen Licht des Mondes hinterher. Weiter und weiter, bis ich einen Baum erblickte, dessen Kronendach an der Spitze eine Delle hatte. An seinem Stamm fand ich ein Loch, das tief in die Ungewissheit führte. Es wurde immer finsterer, der modrige Geruch der Erde erinnerte mich an den Tod.

Irgendwann stieß ich auf eine Kammer, in der ich aufrecht stehen konnte. In ihrer Mitte brannte eine kleine Kerze und davor saß der andere Teil von mir.

„Ich weiß, was du willst!“, sprach er, als er mich bemerkt hatte.

„Sag es mir, denn ich habe die Hoffnung verloren.“

„Die Lösung ist ganz simpel. Du bist Gott. Also such nicht nach dem Menschlichen, sondern nach dem Göttlichen in dir.“

„Das Menschsein führt uns in ein tiefes Loch.“

„Wenn du das wahrhaftig glaubst, dann geh nun und finde heraus, was von dir noch übrig ist.“

Ich stieg hinauf ans Tageslicht. Keiner der beiden hatte mich überzeugen können, keine ihrer Wahrheiten wollte ich je wieder in mir tragen. Nicht weit von hier war ein Berg, den ich erklomm, um den Sonnenaufgang sehen zu können. Es war bitterkalt und als die Sonne endlich aufstieg und ich mit den ersten Strahlen die eisige Luft einatmete, begann ich zu schweben. Da wurde mir plötzlich bewusst: Ohne die beiden war ich…NICHTS.

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