Das Amt zur Erfassung und Nachsendung von emotionalem Ballast (AENB)

D

Es war Nacht. In letzter Zeit war es immer Nacht, wenn ich wach war. Mein Bio-Rhythmus war vom vielen Reisen völlig durcheinander und mein Ziel so entlegen, dass ich lange Strecken in klapprigen Bussen zurücklegen musste, um dorthin zu kommen. Die Busfahrten nutzte ich, um zu schlafen, denn nachts, an den Haltestellen, musste ich wach bleiben, um den Anschluss nicht zu verpassen. Das Leben rauschte währenddessen nur so an mir vorbei, meine Mitreisenden hätten genauso gut Löwen und Elefanten sein können, es wäre mir nicht einmal aufgefallen. Ich existierte nur noch dann, wenn alle anderen schliefen. Gestrandet an entlegenen Bushaltestellen mitten im Nirgendwo.

In dieser Zeit ernährte ich mich größtenteils von Früchten, die Händler am Straßenrand verkauften oder aus diesen Snackautomaten, die an manchen Haltestellen standen. Als ich vor einigen Jahren meine Reise angetreten war, hätte ich nicht gedacht, wie sehr mich das Unterwegssein abhärten würde. Weder tägliches Duschen, noch ein richtiges Bett schienen jetzt notwendig. Das war Luxus aus einem anderen Leben, zu dem ich vielleicht nie mehr zurückkehren wollte. Mit solchen Gedanken versuchte ich mich in dieser Einöde wach zu halten. Der letzte Bus hatte mich hier abgesetzt und jetzt wartete ich auf den Anschluss, um weiter ins Hinterland zu kommen.

Wenigstens gab es eine kleine Bar, die noch geöffnet hatte. Ich traute mich aber nicht drinnen zu warten, weil ich Angst hatte, der Bus könnte vorbeifahren, wenn ich nicht am Bussteig saß. Die Busfahrer in dieser Gegend hielten um diese Uhrzeit nur an, wenn auch jemand an der Haltestelle zu sehen war. Jedenfalls hatte ich mir einen extra starken Kaffee geholt, der so bitter war, dass ich ihn kaum runterbekam. Drinnen war lediglich eine alte Frau hinter der Theke, die fern schaute und ein Kerl, der so etwas wie der Stationswärter war. In der Zwischenzeit war er mit einem Besen und einer Schaufel nach draußen gekommen und fegte den Parkplatz…nachts um halb 1. Das monotone Zischen des Besens und die merkwürdige Melodie, die er wieder und wieder summte, ließen meine Augen ganz schwer werden. Ich wurde immer müder. Im Schwebezustand zwischen Schlafen und Wachen nahm ich große Schlucke aus meinem Becher, in der Hoffnung, sie würden mir einen Energieschub geben. Doch das Unvermeidliche war nicht mehr abzuwenden, ich schlief ein.

Als ich aufwachte, war es immer noch dunkel. Ich glaubte, nur eben weggedöst zu sein. Der Kaffee in meiner Hand war noch warm, doch mein Mund fühlte sich merkwürdig trocken an. Ich stellte den Becher neben mir ab und fischte eine Wasserflasche aus meinem Rucksack, auf dem ich meine Füße abgelegt hatte. Noch ganz benebelt von meinem Nickerchen, glaubte ich eine orangefarbene Gestalt durch meine Flasche sehen zu können. Zunächst hielt ich sie für eine Einbildung und schloss die Augen, um die letzten Traumgebilde aus meinem Bewusstsein zu vertreiben. Aber als ich erneut hinsah, war sie immer noch da. Ich setzte die Flasche ab und fokussierte meinen Blick. Da fegte jemand in orangefarbener Arbeitskleidung, wie ich sie nur aus Deutschland kannte, den Bussteig.

„Merkwürdig“, dachte ich, „hatte der Mann seine Kleidung gewechselt?“ In diesem Moment fiel mir auf, dass mir gegenüber nie ein Bussteig gewesen war. Ich sprang auf und sah mich um. Überhaupt nichts war wie vorhin! Ich befand mich an einem riesigen Busbahnhof mit mindestens 10 Haltestellen und einem hell erleuchteten Service-Gebäude. Zuerst dachte ich, ich hätte einen luziden Traum. Ich breitete die Arme aus und versuchte loszufliegen, ganz genau so, wie ich es in diesem Träumen immer tat. Aber der Asphalt unter mir blieb, wo er war. Ich drehte mich zu dem Kerl um, der mich scheinbar ignorierte und versuchte ihn durch meine Willenskraft in eine Frau zu verwandeln. Als mir auch das nicht gelingen wollte, drängte sich mir langsam die Ahnung auf, dass ich nicht träumte. Schon leicht panisch zog ich mein Handy aus der Hosentasche, um meinen Standort zu bestimmen. Doch zu meinem Erstaunen war es aus und ließ sich nicht wieder einschalten. Vielleicht war bei der ganzen Reiserei der Akku leergegangen.

Indes merkte ich erst, wie merkwürdig sauber alles war. Auf dem Boden klebte kein Kaugummi, die Mülleimer waren allesamt leer, kein Graffiti entstellte das Service-Gebäude. Noch nie im Leben hatte ich einen so makellosen Busbahnhof gesehen. Jetzt fiel mir auch auf, dass jenseits der beleuchteten Bussteige rein gar nichts zu sehen war. Alles um mich herum war in eine Dunkelheit gehüllt, wie ich sie nie zuvor gesehen hatte. Keine Straße zu sehen, die von hier wegführte, keine Häuser in der Ferne, nicht einmal die Geräusche, die in einer Stadt, zu der ein solcher Busbahnhof meiner Meinung nach gehörte, normalerweise zu hören waren. Jemand musste sich einen Scherz mit mir erlauben. Da der Putzmann die einzige Person, in Hörweite war, rief ich ihm zu: „Haha! Sehr witzig! Ihr könnt die Sache jetzt auflösen!“ Er reagierte nicht. Wahrscheinlich hatte er mich nicht gehört oder absichtlich ignoriert. Immer noch fegte er den makellosen Bussteig, auf dem kein Staubkorn zu sehen war.

Er hatte mir den Rücken zugedreht, wodurch ich sein Gesicht nicht sehen konnte. Also lief ich rüber und packte ihn beherzt am Ärmel. „He!“, sagte ich, „ist ja ganz lustig euer kleiner Streich hier, aber mir reicht’s jetzt, okay? Ich will einfach nur ins Bett.“ Dieses Mal reagierte er, aber nicht auf mich, wie es schien. Von links kam auf einmal ein Bus eingefahren, genau an den Bussteig, den er eben von dem nicht vorhandenen Schmutz befreit hatte. Es war ein großer Reisebus mit abgedunkelten Scheiben. Die Karosserie war komplett grau, keine Werbung oder sonstige Verzierungen waren zu erkennen. Wenn dieser Bus hier reingekommen war, musste er auch wieder rauskommen, dachte ich. Aber vielleicht war genau das der Aufhänger für diesen Streich. Vielleicht musste ich mitspielen und einfach einsteigen. Ich lief zurück zu meinem Rucksack, hievte ihn auf meinen Rücken, nahm den Kaffeebecher und drehte mich wieder um. Plötzlich fuhr ich heftig zusammen. So sehr, dass ich den halbvollen Kaffeebecher in meiner Hand zerdrückte. Lauwarmer Kaffee lief mir in den Ärmel. Aber ich konnte mich nicht abwenden, von dem, was ich da sah.

Direkt vor mir bewegte sich eine Reihe gräulich, durchsichtiger Gestalten auf den Bus zu. Man hätte sie fast für Menschen halten können, wäre ihr Unterkörper nicht ein verschwommener Schleier gewesen, der einige Zentimeter über dem Boden aufhörte. Sie hatten weder Gesichter noch Hände, doch an ihrer Seite schwebten verschiedene Gepäckstücke. Als die erste Gestalt den Bussteig erreicht hatte, öffnete sich die Tür des grauen Busses. Darin saß eine ebensolche Gestalt auf dem Fahrersitz. Die anderen bildeten eine geordnete Schlange vor dem Bus und verschwanden einer nach dem anderen im Inneren. Keine zehn Pferde hätten mich in diesen Bus bringen können. Wie angewurzelt blieb ich stehen und sah die Tür mit einem lauten Zischen zugehen. Wenige Augenblicke später fuhr der Bus los und verschwand ebenso geräuschlos in der Dunkelheit, wie er vorhin daraus aufgetaucht war. Ich bekam Zweifel, was meine Theorie mit der Fernsehshow anbelangte. Niemand hätte so etwas inszenieren können. Nicht mal, wenn Geld keine Rolle spielte.

Langsam wurde ich richtig panisch. Meine Augen scannten die Umgebung nach einem Fluchtweg ab. Vor mir waren einige Bussteige, dahinter die Dunkelheit. Links und rechts war ebenfalls unendliches Schwarz. Nur hinter mir stand das Service-Gebäude, das augenscheinlich auch keinen Ausgang bot. Da dieser Hausmeister oder was auch immer er war, immer noch dort stand, brüllte ich ihn erneut an: „Wo bin ich hier?“ Dieses Mal hörte er mich. Sehr behäbig drehte er sich um. Da sah ich, dass auch er eine graue Gestalt war, sein Gesicht kaum mehr als ein weißer Fleck. Er hob den Ärmel seiner orangefarbenen Jacke und deutete in Richtung des Gebäudes hinter mir. Ohne eine weitere Regung machte er sich zurück an seine sinnlose Arbeit. „Fick dich!“, rief ich ihm zu. Auf keinen Fall wollte ich in das Gebäude, aus dem diese Gestalten gekommen waren.

Bar jeglicher Optionen entschied ich in einer Art Kurzschlussreaktion, einfach ins Leere zu laufen. Ich wandte mich nach links um, dann nach rechts. Augenscheinlich macht es keinen Unterschied, wohin ich lief. Also folgte ich meinen Bauchgefühl und lief nach rechts. Mein Rucksack hing schwer auf meinem Rücken und machte es unmöglich, zu sprinten. Nichtsdestotrotz hatte ich nach einigen Sekunden den Rand der Station erreicht. Ich blieb stehen. Vor mir lag die Dunkelheit wie eine Wand, schwärzer als alles, was ich bis dahin gesehen hatte. Sie schien undurchdringlich. Noch einmal blickte ich zurück. Die Szenerie hatte sich nicht verändert. Außer mir und dem schwebenden Klamottenhaufen war niemand zu sehen. „Der Bus war auch durchgekommen“, sagte ich mir, tat drei Schritte zurück und sprang los.

Es wurde finster, doch zu meinem großen Erstaunen lief ich. Meine Füße konnte ich nicht mehr sehen, doch ich hatte festen Grund unter mir. Dann erschien plötzlich ein grauer Schatten in der Ferne, ein Licht vielleicht. Ich zog das Tempo an und lief darauf zu. Einige Sekunden später spuckte mich die Dunkelheit aus und ich konnte wieder sehen. Völlig außer Atem sackte ich unter dem Gewicht meines Rucksacks auf dem Boden zusammen, um durchzuschnaufen. Mir war egal, wo ich war. Hauptsache, nicht mehr dort. Als ich wieder einigermaßen Luft bekam, sah ich auf. „Verdammt! Wie ist das möglich?“, schrie ich. Ich war wieder auf eben jenem Busbahnhof, von dem ich geflüchtet war. Ich befand mich jetzt auf der anderen Seite. Dort fegte immer noch diese Gestalt den Bussteig, das Service-Gebäude war so verlassen wie zuvor. „Nein!“, schrie ich, „Das ist nur ein Traum!“

Unter vollem Getöse rappelte ich mich auf, machte auf der Stelle kehrt und lief erneut in die Finsternis. Nach einigen Metern konnte ich wieder den grauen Schatten sehen. Dieses Mal wollte ich denselben Fehler nicht begehen, also änderte ich die Richtung und lief nach rechts. Eine ganze Weile irrte ich durch die Dunkelheit, ohne die Hand vor den Augen erkennen zu können. Ich beschloss erst dann aufzuhören, wenn mich meine Beine nicht mehr tragen konnten. Die Dunkelheit schien sich unendlich weit in alle Richtungen auszudehnen. Ich lief und lief und lief, bis sich endlich in weiter Ferner zwei Lichter abzeichneten. Wie zwei Augen durchdrangen sie die Schatten. Da merkte ich plötzlich, dass sie mit rasanter Geschwindigkeit auf mich zusteuerten. Ich blieb stehen und lauschte. Es waren Motorgeräusche, das Schleifen von Reifen auf einem harten Untergrund und dann eine dröhnende Hupe. Der Bus! Ich geriet in Panik und drehte vor lauter Verunsicherung um. Ich lief, so schnell es ging, doch er kam immer näher. Das Licht der Scheinwerfer fühlte sich warm auf meinem Nacken an. Noch einmal holte ich das Letzte aus meinen Beinen heraus, doch ich spürte, dass nicht mehr viel Zeit bis zur Kollision blieb. Es war zwecklos, so schnell konnte ich gar nicht laufen. Mitten im Lauf hielt ich an, drehte mich um und sah den zwei riesigen Scheinwerfern entgegen. „Stopp!“, rief ich so laut es ging und hielt die Hand schützend vor mich, als könnte ich das Ungetüm damit stoppen. Es war zu spät. Im nächsten Moment war alles Gelb, dann hörte ich einen Schlag und prallte heftig auf dem Boden auf. Totales Chaos.

Irgendwo in der Dunkelheit hörte ich ein leises, ungleichmäßiges Schreibgeräusch. Dann ein lautes Klacken. Tippen! Schließlich eine Stimme.

„Herr B…“

„Wer? Was?“

„Herr Be…“

„Ich?“

„Herr Beer“

„Ich! Das bin ich!“, rief ich plötzlich. Da kehrte das Bewusstsein in mich zurück wie ein Blitzschlag. Ich blickte in ein grelles Oberlicht und musste mir die Hand schützend vor die Augen halten. Als mein Sehsinn allmählich wieder zurückkehrte, erkannte ich die große Scheibe vor mir und dahinter…Nein, bitte nicht! Die Bushaltestelle. Ich sprang auf und sah mich um. Tatsächlich. Ich hatte auf einem der an der Wand festgebohrten Sitze gesessen, mein Rucksack war direkt neben mir. Die Busstation erinnerte mich an den Wartesaal eines Krankenhauses. Alles war so sauber und unprätentiös. Zu meiner linken befand sich ein Schalter, dessen Scheibe abgedunkelt war, sodass man nicht dahinter sehen konnte. Dann vernahm ich wieder diese, strenge, autoritäre Stimme.

„Herr Beer, bitte vortreten““

„Wo sind Sie? Woher kennen Sie meinen Namen?“

„Ich bin hinter der Scheibe. Ich bin der Amtsleiter und habe Einsicht in Ihre Akte gehabt, die wirklich sehr besorgniserregend war.“

„Welche Akte? Was für ein Amt soll das sein?“


„Das Amt zur Erfassung und Nachsendung von emotionalem Ballast, kurz AENB. Ihr Fall beschäftigt uns schon eine ganze Weile. Sie sind schwer zu finden.“

„Das Amt zur was? Ich verstehe gar nichts. Was ist das für ein Ort hier? Ich will hier weg!“

„Wie ich bereits sagte, dies ist das Amt zur Erfassung und Nachsendung von emotionalem Ballast. Sie dürfen gehen…nachdem wir die Formalitäten erledigt haben. Wir können Ihren ganzen Ballast hier nicht mehr aufbewahren.“

„Moment mal! Von Ihrem Amt habe ich noch nie etwas gehört und etwas hiergelassen hab ich schon gar nicht. Entweder Sie lassen mich jetzt gehen oder ich werde Sie anzeigen.“

„Wenn hier jemand angezeigt werden sollte, dann sind Sie das. Seit Jahren sind Sie auf Reisen und werfen Ihre Probleme ab wie Schuppen. Während die meisten anderen Menschen irgendwann zur Vernunft kommen und nach Hause zurückkehren, um sich Ihren Ängsten zu stellen, laufen Sie einfach weiter davon. Aber wir können Ihren Ballast hier nicht länger aufbewahren. Es ist an der Zeit, dass Sie ihn mitnehmen. Solche Fälle, wie der Ihre, häufen sich leider in letzter Zeit. Wir sind ständig an der Auslastungsgrenze. Daher die Härte des Vorgehens. Wir bitten die Unannehmlichkeiten zu entschuldigen, weisen jedoch darauf hin, dass derlei Maßnahmen in gewissen Sonderfällen zulässig sind. Da wir das nun geklärt hätten, würde ich Ihnen gerne Ihre Besitztümer zurückgeben.“

„Meine Besitztümer? Ich habe es Ihnen doch eben schon mal gesagt: Ich bin noch nie hier gewesen und bis auf eine Uhr habe ich auf meinen Reisen noch nie etwas verloren. Ganz davon abgesehen, was ist das überhaupt für ein Ort hier? Es gibt keinen Zugang und keinen Ausweg. Wie bin ich hier gelandet?“

„Dies ist das Amt…“

„Ja, ja, ich weiß, das Amt zur BlaBlaBla. Das erklärt gar nichts.“

„Sie wurden von einem unserer Busse herbefördert. Das Amt befindet sich außerhalb des menschlich wahrnehmbaren Raumes, wie die verdrängten Sorgen, die bei uns landen. Es ist aber auch genauso real.“

„Warum zeigen Sie sich dann nicht, wenn Sie so real sind?“

„Es ist mir nicht gestattet.“

„Ach, was Sie nicht sagen? Und, kennen Sie auch Gott? Oder den Teufel? Oder den scheiß Weihnachtsmann?“

„Keiner dieser Herren ist mir bekannt. Könnten wir nun fortfahren?“

„Wenn ich dann gehen darf…“

„Selbstverständlich, wir sind schließlich kein Gefängnis. Im Einzelnen liegen zur Abholung bereit: Existenzangst, Zukunftsangst, die Bürde einer gescheiterten Beziehung, ein…“


„Halt! Sparen Sie sich das! Ich nehm sie alle, in Ordnung? Ich will nur schnell weg.“

„Sie verzichten auf die Aufzählung der einzelnen Posten?“


„Ja.“

„Wie Sie wollen. Dann benötige ich nur noch eine Unterschrift von Ihnen.“

Neben dem Schalter öffnete sich plötzlich eine kleine Schiebetür, aus der ein Tablet, das an einem schwarzen Metallarm befestigt war, gefahren kam. Ich trat darauf zu und sah mir das Dokument an, das ich unterzeichnen sollte. Es waren einige bis auf den letzten Zentimeter vollgedruckte Seiten, die zu lang waren, um sie komplett durchzulesen. Ungeduldig scrollte ich ans Ende des Dokuments und unterzeichnete mit meinen Initialen. Dann klemmte ich den Stift in die Halterung am unterer Ende und sah zu, wie das Ding wieder in der Wand verschwand.

„Ausgezeichnet!“, stellte der Amtsleiter zufrieden hinter seiner Scheibe fest. „Dann können wir Sie ja nach Hause schicken. Wir haben extra einen ganzen Bus für Sie reserviert. Stellen Sie sich das mal vor.“

„Wie nett von Ihnen.“

Plötzlich tat sich eine Tür an der Wand auf, die zuvor nicht da gewesen war. Vorsichtshalber trat ich einen Schritt zurück. Einen Augenblick später kam eine ganze Armada von grauen Gestalten herausgetreten und versammelte sich im Wartesaal. Das alles war mir nicht geheuer, ich wich immer weiter zurück, bis ich mich hinter einen Automaten quetschen musste, um keinen dieser Geister zu berühren. Etwas sagte mir, dass eine Berührung nicht gut enden würde. Irgendwann brach der Strom ab. In der Halle war nun kein Platz mehr zum Stehen. Dann ertönte wieder die Stimme des Amtsleiters. „Sehen Sie, Herr Beer, deswegen haben wir Sie hergeholt. Unsere Lagerräume drohten aus allen Nähten zu platzen. Und nun: Bereit machen zur Abfahrt.“

Draußen auf dem ersten Bussteig fuhr ein langer grauer Bus ein. Die Türen der Station wurden aufgeschoben und die graue Masse bewegte sich geräuschlos nach draußen. Einer nach dem anderen verschwand im Bus, bis nur noch ich übrig blieb; immer noch zusammengekauert in meiner Ecke. Mir war nicht klar, was ich mit diesen Gestalten zu tun haben sollte. Aber da ich noch nicht aufgewacht war, musste ich dem Prozedere wohl Folge leisten. Mein Zögern rief erneut den Amtsleiter auf den Plan. „Sie können jetzt einsteigen. Der Bus ist bereit zur Abfahrt.“

Seine monotone Bürokraten-Stimme gab mir endlich den Ruck, den ich brauchte, um meinen Rucksack zu schnappen und den anderen zu folgen. Beim Gehen überkam mich ein ungutes Gefühl, es war fast wie eine Vorahnung. Doch ich konnte sie nicht recht zuordnen. Noch einmal blickte ich zurück zum Amt. Es war jetzt leer. Ein wahrhaft seltsamer Ort, dachte ich und stieg in den Bus ein. Der Busfahrer war ein graues Wesen, wie die anderen, die eingestiegen waren. Keine Ahnung, wie das Ding den Bus lenken sollte. Doch ich hatte genug gesehen, um mich nicht darum zu scheren. Der Bus war gerammelt voll mit diesen grauen Gestalten. Lediglich der vorderste Platz war frei geblieben. Ich warf meinen Rucksack auf den Gangsitz und quetschte mich daran vorbei ans Fenster, um eine Barriere zwischen mir und den anderen zu haben. Dann begann die Reise ins Ungewisse. Die Tür fiel mit einem lauten Zischen zu, der Motor heulte auf und wir rollten los. Schon bald umgab uns die Dunkelheit und ich schlief ein.

„Hola! Eh, chico!“, rief jemand in der Ferne. Dann packte mich eine Hand an der Schulter und rüttelte daran. Wieder rief eine Stimme: „Eh, chico!“ Ich spürte den warmen Atem eines Menschen über mir und schreckte auf. „Ich bin wach! Ich bin wach!“, schrie ich. Als ich die Augen öffnete, sah ich den entgeisterten Blick des Stationswärters, der mich aufgeweckt hatte. Hinter ihm stand ein Bus mit geöffneter Tür, in dem der Busfahrer nervös auf das Lenkrad tippte. Ich sah den Stationswärter an, der mit einer Geste andeutete: „Fahren oder bleiben?“ Ich wollte aufspringen und in den Bus eilen, doch etwas in mir hielt mich zurück. Ein wirklich niederschmetterndes Gefühl überkam mich und nagelte mich an Ort und Stelle fest. Resigniert sackte ich auf der Bank zusammen und schüttelte nur mit dem Kopf. Der Stationswärter zuckte mit den Schultern, kratze sich am Kopf und gab dem Busfahrer ein Zeichen. Der Motor startete und der Bus raste davon. „Todo bien?“, wollte der Stationswärter schließlich wissen. „Si, gracias. Voy a casa. Ich gehe nach Hause.“

Aktuelle Beiträge