Es war der beste Sommer, es war der schlimmste Sommer

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Es war der schlimmste Sommer. Keiner der Jungs war mit seiner Familie in den Urlaub gefahren. Zum ersten Mal konnten sie die vollen sechs Wochen der Ferien gemeinsam verbringen. Doch ein Ereignis, das in diesem Jahr nicht nur das Ende der Sommerferien einläuten würde, sondern vielleicht auch das Ende einer besonderen Freundschaft, lag Jan, Cem, Fabi, Axel und besonders Maxi wie ein schwerer Stein im Bauch. Am letzten Wochenende, Anfang September, würde Maxi nach München zu seinem Vater ziehen. Seine Eltern lebten getrennt, seitdem er drei Jahre alt war und nun hatte sein Vater es geschafft, das Sorgerecht für Maxi für sich zu gewinnen. Maxi liebte seinen Vater, keine Frage und tief drinnen freute er sich auf das neue Leben in München. Doch er konnte sich nicht vorstellen, dieses Leben ohne seine besten Kumpels zu führen.

Die Gruppe hatte vor einiger Zeit schon beschlossen, nicht mehr die Tage bis zum Ende der Ferien zu zählen und es einfach passieren zu lassen, wenn es so weit war. Das klappte ganz gut, wenn sie zusammen waren und man einen Tritt gegen das Schienbein bekam, wenn man über jenes Wochenende sprach. Aber zuhause, bei ihren Eltern, hatten die Jungs kein anderes Thema mehr. Es war so schlimm geworden, dass ihre Mütter sich mittlerweile jede Woche trafen, um darüber zu diskutieren, was sie unternehmen konnten. Die Idee, in den Schulferien gemeinsam nach München zu fahren, wurde zunächst mit großer Begeisterung aufgenommen, doch als in einem Nebensatz die Bemerkung „einmal im Jahr“ fiel, war die gute Laune sofort wieder dahin. Die Jungs konnten es einfach nicht verstehen, dass einer der ihrigen bald nicht mehr bei den Abenteuern dabei sein konnte. Besonders Jan hatte damit zu kämpfen und malte sich nachts die wildesten Rettungsaktionen für seinen Kumpel aus, die alle daran scheiterten, dass er ein zehnjähriger Junge war.

Und so lagen die Freunde an diesem Vormittag auf der kleinen Erdanhäufung auf dem Spielplatz beim Kindergarten und starrten gemeinsam in den Himmel. Hin und wieder warf jemand etwas Gras in den Wind oder entließ einen gelangweilten Seufzer in die drückende Stille. Der Tag hielt unendliche Abenteuer bereit: Sie konnten Steine auf die Frösche im Teich im Ruhewald werfen, Frau Krauses Hund in seinem Käfig mit Schnattergeräuschen in den Wahnsinn treiben oder Goldfische im Teich der Hermanns fangen. So verlockend die Möglichkeiten auch waren, sie konnten alle nicht über eine Tatsache hinwegtäuschen: Es könnte das letzte Abenteuer mit Maxi sein. Wer außer Maxi konnte auf seine witzige Art den Mädels in der Schule weismachen, dass sie einen 30 cm großen Frosch mit ekelhaften Warzen gesehen hatten oder dass im Bach beim Bauernhof oben der tote Hund von Frau Schwarz lag oder dass im Ruhewald die Toten gegen ihre Urnen klopften? Wer würde die Jungs in Zukunft zum Lachen bringen, wenn sie sich mal wieder stritten und kurz davor waren, sich zu prügeln? Wer würde Center Shocks für die ganze Gruppe vom Bäcker mitbringen? Es war zum Verzweifeln, ein Leben ohne Maxi in Nordstetten war für alle unvorstellbar. Als die Gedanken sich wieder um sich selbst drehten, fragte Cem irgendwann in die Gruppe:

„Wie weit ist München eigentlich weg?“

„Bestimmt hundert Kilometer“, schätzte Fabi.

„Viel mehr!“, warf Axel ein.

Jan wollte auch etwas sagen, realisierte aber, dass er die Antwort nicht kannte und wartete daher ab, bis Maxi sich einmischte.

„Über 200 Kilometer sind das bis nach München“, sagte Maxi schließlich mit trauriger Stimme.

„Wir sind doch mal nach Empfingen gelaufen“, erinnerte sich Fabi.

„Ja, genau. Wie weit ist das von hier aus?“, fragte Cem aufgeregt.

„Fünf Kilometer oder so“, antwortete Maxi.

„Oh Mann, das war echt weit. 200 Kilometer können wir nie im Leben laufen!“, stellte Cem enttäuscht fest.

„Aber fahren…“, ergänzte Fabi.

„Und wer soll uns fahren?“, fragten Jan und Axel fast synchron.

„Unsere Eltern!“

„Das machen die nie. Vielleicht einmal im Jahr.“

„Hmm…“

„Ach, Kacke!“

„Maxi, wie kommst du eigentlich nach München?“, wollte Jan schließlich wissen.

„Mit dem Auto oder dem Zug, vielleicht holt mich mein Vater ab, weißt nicht…“, erwiderte Maxi.

„Zug!“, schrie Cem plötzlich und sprang auf, wodurch die anderen ebenfalls in Unruhe gerieten und sich erhoben. Gespannt sah er zwischen seinen Kumpels hin und her und hoffte, in ihren Augen dieselbe Idee zu entdecken, die sich gerade in seinem Kopf zu einem tatsächlich umsetzbaren Plan manifestierte. Die Jungs sahen jedoch alles andere als begeistert aus und blickten Cem erwartungsvoll an.

„Kapiert ihr’s nicht? Wir können selber mit dem Zug nach München fahren! Von Horb aus.“, teilte er schließlich seine Gedanken mit den anderen. Die waren zunächst verblüfft und prüften gegenseitig ihre Reaktionen. Doch irgendwo in ihren kleinen Gehirnen fiel die Idee auf fruchtbaren Boden und schien die Lösung für die Tragik dieses Sommers zu sein. Auf einmal fielen sie sich in die Arme und sprangen triumphierend im Kreis herum, während sie die ganze Zeit riefen: „München! München! Wir fahren nach München!“

Ohne sich in weitere Überlegungen zu verstricken, machten sie sich auf in Richtung Feldweg, der sie runter ans Dorfende brachte, wo er zu einem kleinen Pfad wurde, der durchs Gestrüpp in den Wald hineinführte. Von dort aus gelangte man auf den Eselsweg, ein steiler Pfad mitten durch den Wald, der auf halber Höhe auf die alte Horber Steige traf. Von dort aus war es nicht mehr weit bis zum Bahnhof. Entlang der Straße liefen sie die letzten Meter zum Parkhaus, das zum Bahnhof gehörte. Vorne an der Einfahrt lagen einige Steine, die dort im kollektiven Verständnis der Jungs fehl am Platz waren. Sie luden ihre umgestülpten T-Shirts voll und liefen in eine vom Bahnhof aus nicht einsehbare Ecke des Parkhauses. Dort lehnten sie sich übers Gitter und ließen Stein um Stein in die Tiefe plumpsen. Beim Aufkommen war ein stumpfes „Klack“ zu hören, was die Jungs dazu veranlasste, den nächsten zu werfen.

Als sie ihre Vorräte aufgebraucht hatten, liefen sie zum Treppenhaus, schoben gemeinsam die schwere Tür auf und riefen den Aufzug. Die Treppen waren ihnen nicht geheuer, da man immer wieder Geschichten von Drogenabhängigen und betrunkenen Jugendlichen hörte, die dort herumlungerten. Der Aufzug hatte einen Spiegel am hinteren Ende, in dem sie Grimassen schnitten. Jemand stellte angewidert fest: „Hier riecht’s nach Pisse!“ Daraufhin wurde er sofort mit der Bemerkung „Erst, seit du hier bist“ zur Zielscheibe des Spotts. Als der Aufzug unten ankam und die Tür aufging, hatten die Jungs sich in ein Knäuel aus Tritten, Schlägen und Beleidigungen verwandelt. So in ihrer kleinen Rauferei verwickelt, merkten sie gar nicht, dass ein Polizist vor dem Aufzug stand und halb belustigt, halb genervt ihrem Treiben zusah. Axel bemerkte den Mann als Erster und rief: „Stopp! Polizei!“

Schlagartig drehte sich der ganze Trupp um und erstarrte unter den strengen Augen des betagten Polizisten. Der kostete den Eindruck, den er bei den Jungs schindete aus und fragte mit ernster Stimme: „Muss ich euch festnehmen?“

„Nein, bitte nicht!“

„Wir haben nichts gemacht!“
„Der war’s!“

„Nein.“

„Nehmen Sie Fabi fest!“

Fabi, der immer wenn er nervös war, aufstoßen musste, entließ einen kräftigen Rülpser in Richtung des Polizisten. Das Gelächter der Jungs ließ nicht lange auf sich warten. Nur Fabi schaute beschämt nach unten. In diesem Moment löste der automatische Schließmechanismus der Tür aus und rettete die Jungs beinahe. Doch der Polizist drückte von draußen auf den Knopf und schon sahen sie sich ihm wieder gegenüber.

„Jungs, so ein Parkhaus ist kein Spielplatz und ein Aufzug schon gar nicht. Wenn ihr nicht nach oben wollt, dann steigt jetzt bitte aus. Oder braucht ihr Hilfe?“
„Nein, wir steigen schon aus.“
„Wir brauchen keine Hilfe!“

„Dann tauschen wir“, fügte der Polizist hinzu und ließ die Bande aussteigen, trat in den Aufzug und nickte ihnen zum Abschied nochmal zu. Als der Aufzug weg war, ging das Gelächter wieder los. Fabi war unfreiwillig zum Held des Tages geworden. Sie spielten die Situation nach und versuchten dabei sowohl das Gesicht des Polizisten als auch den Rülpser detailgetreu nachzuahmen. Nur Fabi fand keinen Spaß daran, er schämte sich für seine unfreiwilligen Luftaustöße, die ihm in der Schule schon so manchen Ärger eingehandelt hatten. Er lenkte die Aufmerksamkeit der Jungs wieder auf ihr eigentliches Ziel: „Hey, was ist mit München?“

Seine Kumpels verstummten, dieses Wort hatte denselben Effekt, wie im Schwimmbad auf eine Biene zu treten. Noch vielmehr, weil sie realisierten, dass ihr Plan alles andere als wasserdicht war. Enttäuscht setzten sie sich auf die Stufen zu Gleis 1 und 2 und bliesen eine Weile Trübsal. Der Tag, ach, der ganze Sommer war gelaufen, keiner von ihnen konnte Maxi retten. In der Welt der Erwachsenen hatten sie kein Mitspracherecht. Einige Züge rauschten über ihnen vorbei, während ihre Laune langsam den Tiefpunkt erreichte. Doch dann kam plötzlich ein chinesischer Geschäftsmann mit Anzug, Aktentasche und großem Reisekoffer angerannt, der, als er die Jungs sah, unvermittelt stehenblieb und ihnen seine Fahrkarte vor die Nase hielt.

„Train to Stuttgart? Here?“, wollte er von ihnen wissen. Mehr als Stuttgart hatten sie aber nicht verstanden. Maxi schnappte sich die Karte, warf einen Blick darauf, sah Gleis 1 und gab sie dem Mann zurück. Dann zeigte er bloß mit dem Daumen nach oben. Der Mann bedankte sich hastig und eilte an ihnen vorbei die Treppen empor. Schon wollten sich die Jungs wieder ihrem Schwermut hingeben, als Maxi plötzlich auffuhr. Die anderen zuckten allesamt zusammen. „Auf der Karte“, schrie Maxi aufgeregt, „auf der Karte stand München. Der Mann will nach München. Folgen wir ihm!“

Mit einem Mal kehrte der Mut in die Truppe zurück und unter heulendem Siegesgesang stürmten sie die Treppe hinauf. Oben angekommen sahen sie gerade noch, wie der Mann in einen langen, weißen Zug einstieg. Die Jungs zögerten nicht lange und sprangen durch die nächstgelegene Tür. Einen Moment später fiel diese mit einem lauten Zischen zu und der Zug fuhr los. Die Jungs hatten sich derweil in ein Viererabteil gequetscht und stritten sich um die Fensterplätze. Cem und Fabi hatten sich durchsetzen können und starrten jetzt gespannt in die immer schneller vorbeiziehende Landschaft.

„Da ist das Schwimmbad!“, brüllte Fabi. Alle drängten zum Fenster, um das Schwimmbad zu begutachten. Kurz darauf schoss der Zug den Hügel hinauf in den Wald hinein, wo ein Tunnel vorauslag. „Gleich wird’s dunkel“, schrie einer der Jungs. Und dann blickten sie ihn ihre eigenen Spiegelbilder, weil draußen alles schwarz wurde.

Sie waren so damit beschäftigt, Grimassen zu schneiden, dass sie den Schaffner gar nicht bemerkt hatten, der am anderen Ende des Abteils aufgetaucht war. Nur sie und der Geschäftsmann waren in Horb zugestiegen, daher dauerte es nicht lange, bis er hinter ihnen stand. In der Spiegelung des Fensters entdeckten sie schließlich die Gestalt im dunkelblauen Anzug. Es war ein kahlköpfiger Mann mit runder Brille und Schnauzbart, der mit einem breiten Grinsen hinter ihnen stand. Offenbar hatte er sich über ihre Grimassen amüsiert.

„Guten Tag, die Herrschaften! Wo geht die Reise hin?“

Die Jungs waren völlig perplex. In Ihrer Aufregung hatte keiner daran gedacht, dass man eine Fahrkarte kaufen musste, um mit dem Zug fahren zu dürfen. Keiner wollte oder konnte dem Mann eine Antwort geben.

„Hat es euch die Sprache verschlagen vor lauter Grimassen? Leider muss ich jetzt eure Fahrkarten sehen? Habt ihr denn welche?“

Maxi, der bekannt dafür war, sich in solchen Situationen für gewöhnlich mit Bravour herausreden zu können, zückte schnell seinen Geldbeutel und streckte dem Mann seine Schülerfahrkarte für den Bus hin. Die anderen taten es ihm gleich und kramten ebenfalls ihre Fahrkarten heraus. Der Mann warf einen prüfenden Blick auf alle fünf Karten und musste dann laut loslachen.

„Für so eine kreative Idee solltet ihr eigentlich ausgezeichnet werden. Aber mal ehrlich, Jungs, das hier sind Busfahrkarten. Die berechtigen nicht zu einer Zugfahrt, schon gar nicht mit dem IC. Wenn ihr keine echten Fahrkarten habt, muss ich euch leider in Eutingen rausschmeißen. Tut mir leid!“

Die Jungs tauschten hoffnungsvolle Blicke mit Maxi aus.  Wenn sie einer retten konnte, dann er. Von der Zustimmung seiner Freunde beseelt, versuchte er sein Glück: „Wir fahren nach München zu meinem Vater. Der zahlt die Karten dort am Bahnhof für uns. Wir hatten es so eilig, dass wir keine mehr kaufen konnten. Wirklich!“

„Wirklich? Selbst wenn das stimmen würde, kann ich euch fünf nicht unbegleitet durch die Gegend fahren lassen. Ihr wisst schon, dass ihr in Stuttgart umsteigen müsstet, um nach München zu kommen, oder?“
„Ähh, echt jetzt?“, grätschte Axel dazwischen und wurde dafür mit einem Fußtritt von Maxi bestraft. Jetzt hatte er sie verraten, dachten die anderen. Aber der Schaffner hätte ohnehin nicht mit sich verhandeln lassen.

„Wir sind gleich da, Jungs! Endstation für euch.“

Widerwillig stand einer nach dem anderen auf und folgte im Gänsemarsch dem Schaffner zum Ausgang. Sie waren bereits in den Bahnhof Eutingen eingefahren, wo einige Fahrgäste am Bahnsteig warteten. Als die Türen aufgingen, trotteten die fünf Freunde wie bei einem Gefangenentransport aus dem Zug, stellten sich der Reihe nach auf und warteten auf die Rüge des Schaffners.

„Tut mir leid für euch, Jungs! Aber es ist besser so. Ihr könnt umsonst mit dem nächsten Zug zurückfahren. Ich werde dort anrufen und Bescheid sagen, dass ihr nur bis nach Horb fahrt. Und nächstes Mal muss dein Vater eben mit, Kleiner. Dann könnt ihr eine tolle Zugfahrt genießen. Die Strecke nach München ist wirklich schön.“

Die Jungs nickten nur traurig und vergruben beschämt die Hände in den Taschen. Der Schaffner wies sie nochmal darauf hin, dass sie mit dem nächsten Zug zurückfahren sollten, der in etwa einer halben Stunde ankam. Dann stieg er ein und winkte den Jungs, bis er außer Sichtweite war. Sobald sie ihn nicht mehr sahen, streckten die Jungs ihm den Stinkefinger hinterher und beleidigten hin. Als der Zug dann nicht mehr zu sehen war, verlagerte sich die Wut plötzlich auf die anderen. Es entfachte ein wilder Streit in der Gruppe, der sich zunächst gegen Axel richtete, weil er sie laut Gruppenkonsens verraten hatte und dann auf Maxi umschwenkte, der offensichtlich unüberlegt gehandelt hatte. Schließlich stritt sich jeder mit jedem, bis sie sich auf dem Bahnsteig verteilten und wütend Steine auf die Gleise traten oder vom Geländer die Treppen hinunterspuckten. Die Sonne stand schon hoch am Horizont, als wache sie über die fünf Jungs.

Es war Axel, der nach einer Weile rief: „Ich geh nach Hause. Nochmal lass ich mich nicht erwischen.“ Dann stapfte er los. Da er in Eutingen oft Fußball gespielt hatte, kannte er den Weg zurück nach Nordstetten. Die anderen beobachten, wie er in der Unterführung verschwand und kurz darauf auf der anderen Seite der Gleise wieder auftauchte. Dann lief er über den Parkplatz auf die Straße zu.

„Halt!“, schrie Jan und eilte ihm hinterher. Cem war der Nächste, der es nicht mehr aushielt. Schließlich folgte Fabi. Erst, als Maxi dessen orangefarbenes Shirt in der Ferne kaum noch sehen konnte, sprang er auf und sprintete hinterher. Er holte die anderen an dem Kreisverkehr vorne an der Straße ein, wo sie gerade auf der gegenüberliegenden Seite einen Feldweg hinaufgingen. Maxi sah sich um und rannte los, als kein Auto kam. Mit jeweils 2 oder 3 Metern Abstand voneinander gingen die Jungs im Marschschritt den Feldweg entlang. Zu ihrer Rechten erstreckte sich in der Ferne Eutingen mit der großen Kirche. Im Vordergrund konnten sie die Fußballfelder sehen, auf denen gerade eine blaue gegen eine rote Mannschaft kickte. Ihre Schreie drangen dumpf zu ihnen herüber. Bald traf der Feldweg wieder auf eine Straße, auf dessen anderer Seite er sich fortsetzte. Da gerade viel Verkehr war, musste Axel stehenbleiben und wurde von den anderen eingeholt. Schweigend standen sie nebeneinander und warteten auf eine Chance, die Straße zu überqueren. Weil sie sich in einer windgeschützten Senke befanden, war die Hitze besonders drückend.

„Ich hab so einen Durst!“, beschwerte sich Cem.

„Dann trink doch deine Pisse!“, entgegnete jemand wüst aus der Gruppe. Ein verhaltenes Kichern ging durch die Reihe, das sofort unterbunden wurde, um nicht den Anschein zu erwecken, man sei sich plötzlich wieder wohlgesonnen. Dann ergab sich endlich eine Lücke im Verkehr und die Jungs rannten los. Auf der anderen Seite angekommen, fielen sie wieder in ihre ursprüngliche Formation zurück. Axel ging voraus, es folgte mit einigem Abstand Jan, dann Cem, Fabi und Maxi bildete die Nachhut. Sie liefen an saftigen grünen Wiesen, Obstbäumen und einer großen Eiche mit einem Jesuskreuz vorbei. Irgendwann führte der Weg in den Wald hinein, wo er sich hinunter ins Neckartal nach Mühlen schlängelte.

Je weiter die Jungs liefen, desto mehr schwand ihr Unmut den anderen gegenüber, doch keiner wollte derjenige sein, der die Aussöhnung begann. Immerhin wollte keiner von ihnen wie ein Schwächling dastehen. Aus diesem Grund versuchten sie, die Anspannung spielerisch aufzulösen. Mal rannte einer vorneweg, mal schmiss einer einen kleinen Stein ins Tal hinunter. Fast immer gingen die anderen auf die kleinen Beweisproben ein. Erst, als sie in Mühlen angekommen waren, hörten ihre Spielchen auf und sie liefen wieder schweigend hintereinander her. Aus der kleinen Gasse, in die die holprige Straße gemündet war, die sie zum Abstieg genutzt hatten, gelangten sie schon bald auf die Hauptstraße, die nach Horb führte. Jetzt kannten sich auch die anderen wieder aus. Im Schatten der Häuser spazierten sie auf dem Gehweg entlang, wechselten bei der Kirche die Straßenseite und freuten sich, als sie endlich den Neckar hören konnten.

Über eine kleine Brücke gelangten sie ans andere Ufer, von wo aus man ans Wasser hinunterkam. Dort lagen bereits einige Sonnenanbeter, die ihre Füße ins kühle Nass streckten. Das reichte den Jungs aber nicht. Sie streiften ihr Schuhe und Socken ab und sprangen mit voller Wucht ins flache Wasser. Dann begann eine wilde Wasserschlacht, bei der für einen Moment alle Sorgen vergessen waren. Nachdem sich jeder ein wenig abgekühlt hatte, ließen sie Steine übers Wasser flitzen. Fünfmal war der Rekord in der Gruppe, den es seit Monaten zu schlagen galt. Stein um Stein hüpfte übers Wasser und verschwand in den Fluten des Neckars. Trotz ihres unbeschwerten Spiels saß der Frust immer noch zu tief, um mehr als einige wetteifernde Sprüche miteinander auszutauschen. Irgendwann taten ihnen dann doch die Füße weh, da das Flussbett an dieser Stelle aus vielen kleinen Steinen bestand. Also wurde stillschweigend der Rückzug angetreten.

Es ging zurück auf den Gehweg, von dort weiter zur großen Autobrücke, die über den Fluss führte und auf der anderen Seite in den Wald, durch den sich ein kleiner Weg auf die Felder bei Ahldorf hochschlängelte. Immer noch wurde kein Wort gewechselt, was vielleicht auch an dem steilen Anstieg lag. Oben angekommen, waren sie ganz außer Atem und legten sich für eine Weile auf einer Wiese in den Schatten. Mittlerweile war der ganze Groll verschwunden und es lag mehr an der Erschöpfung und dem Durst, dass keiner mehr sprechen wollte. Die letzten 3 Kilometer kamen ihnen umso beschwerlicher vor, obwohl es jetzt nur noch auf gerader Strecke im Schatten der Bäume entlangging.

Die Erleichterung war bei allen riesig, als sie endlich den Kirchturm von Nordstetten erblickten. Sie beeilten sich und zogen das Tempo ein letztes Mal an. Dann standen sie unter der Autobrücke mit den seltsamen Graffitis, die ihnen aus unerfindlichen Gründen Angst machten. Sie entschieden sich daher, sie nicht zu durchqueren und stattdessen rechts den Feldweg hinaufzugehen. Jetzt waren sie in heimischem Terrain. Jeder Grashalm, jeder Baum weckte eine Erinnerung. Da war die alte Kuhweide, auf der sie früher die Kühe gefüttert hatten. Gegenüber stand der große Kastanienbaum, der im Herbst alle Nordstetter mit Kastanien versorgte und 50 Meter weiter oben, an der Kreuzung, die alte Stileiche, deren Eicheln hervorragende Wurfgeschosse abgaben. Nicht zu vergessen, der Abhang, den sie im Winter mit ihren Schlitten hinunterjagten, manchmal bis in den Wald hinein.

Die unzähligen Abenteuer, die sie hier erlebt hatten, ließen Maxi ganz sentimental werden. Er fiel zurück, damit die anderen nichts mitbekamen. Was er nicht ahnen konnte, war, dass seine Freunde genauso empfanden. Jan, der eine besondere Verbindung zu ihm hatte, drehte sich als Erster um. Er lief zu ihm und legte den Arm auf seine Schulter. Die anderen ließen nicht lange auf sich warten und bald fanden sie sich in einer großen Gruppenumarmung wieder, ein jeder den Tränen nahe, aber nicht imstande, sie herauszulassen. Nur Maxi lief eine einzelne, einsame Träne übers Gesicht. Seine Freunde ließen sie ausnahmsweise unkommentiert.

Schulter an Schulter liefen die fünf die letzten Meter gemeinsam bis zu der Brücke, die über die B 32 nach Nordstetten führte. Hier blieben sie stehen, stützten sich auf dem Geländer ab und blickten eine Weile den Autos hinterher, von denen das ein oder andere vielleicht nach München fuhr. Maxi konnte nicht anders, er versuchte die letzten Spuckereste in seinem Mund zu sammeln, um sie auf das Dach eines Lastwagens zu feuern. Doch sein Mund war so trocken, dass es gerade noch für ein paar Spritzer reichte, die der Wind ihm direkt zurück ins Gesicht blies. Alle mussten lachen und mit einem Mal waren alle Streitereien vergessen. Die fünf Freunde schlossen sich in die Arme und liefen zurück nach Hause. Es war der beste Sommer.

 

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