Winter im Frühling

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Ihr könnt euch die Geschichte dank Katja Wakeham jetzt auch anhören:

„Ich sehne mich nach dem Sommer…“, sagte er mit gedankenverlorener Stimme aus dem Fenster blickend, mehr zu sich selbst, als zu seiner Freundin, die ein paar Meter hinter ihm stand, von wo aus sie ebenfalls rausschaute. „Wohl eher Winter!“, stellte sie ungläubig fest, als sie sah, dass es kleine Schneeflocken aus dem trüben grauen Etwas schneite, das schwer über dem Horizont hing. „Das ist der schlimmste Frühling jemals. Ich wüsste nicht, wann es das letzte Mal im April geschneit hat“, erwiderte er mit einem langgezogenen Seufzer.

Beide sahen ihren Sonntag im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser fallen. „Wir könnten jetzt Fahrradfahren“, sagte er er. „Eis essen!“, antwortete sie. „Uns sonnen“, wieder er. „Wenn nur die Sonne schiene, wie sie sollte…“, stellte sie dann fest, nachdem sie sich zwei Mal mit einem genauen Blick auf den Kalender davon überzeugt hatte, dass es tatsächlich April war.

„Können wir nicht irgendetwas machen? Mir ist so langweilig…“, warf er in den Raum, nachdem sie eine Weile in die Röhre geschaut hatten. „Bei dem Wetter? Nein, viel zu kalt. Außerdem hab ich schon all meine Winterklamotten in den Schrank verbannt.“ „Na toll…“, brummte er. Sie warf ihm einen giftigen Blick zu. „Dann schlag doch was vor!“, warf sie ihm entgegen. „Wieso immer ich…“, wollte er anfangen, doch dann verließ ihn die Lust, sich zu streiten und er sagte einfach gar nichts.

Eine weitere tatenlose Stunde zog ins Land, in der sich keiner von beiden zu irgendetwas hatte aufraffen können. Er kratzte sich den Kopf und fing vor lauter Langeweile an, sich rhythmisch auf die Backen zu klopfen, sodass ein Geräusch entstand, das an einen in ein halbvolles Regenfass fallenden Tropfen erinnerte. „Hör auf!“, schrie sie und befreite sich aus seiner Umarmung, „du nervst!“ Beide waren jetzt kurz davor zu platzen, wie ein Glas, das man zu lange über eine Kerze gehalten hatte.

Herausfordernd starrten sie sich in die Augen. „Weißt du, als Kind war es mir egal, was draußen für ein Wetter war. Meine Kumpels und ich sind immer raus. Warum sollten wir uns vom Wetter diktieren lassen, was wir machen? Man kann auch bei schlechtem Wetter raus!“, sagte er vorsichtig, jedes Wort sorgsam gewählt, jedem davon gespannt nachsehend. Sie drehte sich zur Seite und klopfte mit der Faust auf ihre Schneidezähne, was sie immer tat, wenn sie nachdachte, um sich einige Sekunden später wieder fragend an ihn zu wenden: „Und was schlägst du vor?“ „Na, wir machen einfach alles so, wie wir es an einem schönen Tag auch gemacht hätten.“ „Aber…“, entfuhr es ihr wie mechanisch. „Nichts aber, zieh dir warme Klamotten an und komm!“

Beide gingen hoch, um sich anzuziehen und trafen sich dann wieder unten im Flur. Etwas ratlos standen sie in ihren Winterklamotten da und bemerkten, dass es gar nicht so leicht war, die Dinge, die man an einem schönen Tag für ganz normal hielt, auch an einem schmuddeligen Tag wie heute zu tun. „Also?“, fragte sie erwartungsvoll. „Picknick?“, sagte er, mit den Achseln zuckend. „An einem Tag wie heute?“, fragte sie zynisch. „Ja, denk einfach nicht darüber nach.“ Er verschwand für einen Moment in der Küche, wo er ein paar Sachen in den Picknickkorb ihrer Mutter packte und stand ruckzuck wieder im Flur.

„Und jetzt?“, wollte sie gleich wissen. „Jetzt gehen wir picknicken!“, sagte er voller Selbstbewusstsein. Sie holten die Fahrräder aus dem Schuppen, schoben sie vors Haus und sahen sich um. Kein Mensch war unterwegs, bei diesem Wetter hätte man keinen Hund vor die Tür gescheucht. Er warf ihr einen überzeugten Blick zu, schnallte den Picknickkorb auf das Fahrrad und fuhr los, ohne noch etwas zu ihr zu sagen. Er wusste, sie würde sonst wieder kehrtmachen. Tatsächlich folgte sie ihm schließlich mit einigen Metern Abstand.

Ein kalter, nasser Wind wehte ihnen die winterliche Luft und die kleinen Schneeflocken ins Gesicht, bahnte sich seinen Weg unter die Klamotten und ließ sie vor Kälte erschaudern. Doch er fuhr einfach weiter, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzudrehen. Am Quietschen ihrer Räder konnte er erkennen, dass sie noch hinter ihm war. Mittlerweile waren seine Hände rot vor Kälte und schienen nicht mehr warm zu werden, er glaubte, die Bremse nicht mehr betätigen zu können und musste es ausprobieren. Seine Hand war steif und die Finger bewegten sich nur widerwillig, doch es klappte, das Fahrrad kam zum Stehen. Sie waren irgendwo auf einem Feldweg, kurz vor dem nächsten Dorf, zu ihrer Linken eine Streuobstwiese, zu ihrer Rechten ein kleiner Wald. Ein paar Sekunden später hörte auch das monotone Quietschen auf, das ihn die ganze Zeit verfolgt hatte.

Jetzt, das wusste er ganz genau, durfte er nicht einknicken, musste so tun, als wäre alles gut und das Wetter nicht zum Kotzen. Mit ihrer Kapuze tief ins Gesicht gezogen stand sie neben ihm, Nase und Ohren rot wie ein Ballon, die Augen voller Wasser von der Kälte, dahinter ein zorniger Ausdruck. Eiskalt darüber hinwegsehend stellte er fest: „Ein perfekter Ort zum Picknicken!“ Ihre Antwort äußerte sich im noch festeren Zusammenkneifen ihrer Augen und dem Knirschen ihrer Zähne. Weiterhin unbeeindruckt schob er das Fahrrad auf die Wiese, stellte es unter einem in voller Blüte stehenden Kirschbaum ab und breitete dann die Decke aus, die er aus dem Picknickkorb gezogen hatte.

Missmutig war sie ihm gefolgt, hatte sich ohne ein Wort zu sagen auf die Decke gesetzt und kauerte jetzt schweigend darauf, die Beine fest an sich gezogen. Er tat weiterhin so, als würde er von alldem nichts mitbekommen und breitete in aller Seelenruhe Käse, Brot, eine Flasche Wein, Trauben, zwei abgepackte Eis und allerlei Kleinigkeiten auf der Decke aus. Der Baum bot nur mäßig Schutz und ein paar Tropfen flogen in unregelmäßigen Abständen auf sie herab.

„Guten Appetit“, wünschte er, schenkte etwas Wein in die mitgebrachten Gläser ein und hob ihr eines davon hin. Nur widerwillig nahm sie es, doch er wusste, wenn er jetzt nachgab, würden sie sich wieder streiten. Hungrig fiel er über das Essen her und ließ es sich schmecken, während sie nur spärlich von allem probierte. Gerade, als sie sich ein Stück Brot mit etwas Käse belegte, da fiel eine Schneeflocke darauf. „Ihh, direkt auf mein Brot!“, quiekte sie, „kuck mal, wie groß die ist!“ „Das ist doch nur Schnee. Komm wir tauschen, wenn du willst,“ sagte er zur ihr rübergebeugt.

Doch dann erkannten beide plötzlich, dass es keine Schneeflocke war, sondern eine Kirschblüte, die vom Baum gefallen war. Erstaunt sahen sie nach oben. „Es schneit Kirschblüten“, sagte sie auf einmal ganz verzaubert. Sie erhob sich und streckte die Hände aus, um den Flug der Kirschblüten abzufangen. Und wirklich, unter die Schneeflocken hatten sich ganz heimlich ein paar Kirschblüten gemischt, die ihnen in der Luft so ähnlich sahen, dass man sie kaum auseinander halten konnte. Sie legten sich auf ihre Hände, ihre Gesichter und ein unvergleichlich süßderber Geruch lullte sie ein.

„Sieh dir das an! Es ist Frühling und es schneit Kirschblüten“, rief sie aufgeregt und lief mit ausgestreckten Armen über die Wiese. Verblüfft bestaunte er eine der weißen Blüten, die auf seinen Fingern gelandet war, nach innen hin noch etwas rosa. „Komm her!“, rief seine Freundin vom anderen Ende der Wiese, wo sie zwischen den Flocken hin und her tänzelte. Die Flocke zwischen seinen Händen in die Luft pustend sprintete er los, über die Wiese hinweg, durch das Treiben der Kirschblüten und Schneeflocken. Als er bei ihr angekommen war, packte er sie und schleuderte sie umher. Sie fielen hin und lachten, blickten gemeinsam in den grauen Himmel, wo sich eine Flocke nach der anderen vom einheitlichen Grau absetzte, mal eine Schneeflocke, die kühl auf der Nase aufsaß und sogleich schmolz, mal eine Kirschblüte, die liegen blieb, um ihren angenehmen Duft auf ihrem ganzen Körper zu verstreuen. Er drehte sich zu ihr: „Ist das nicht wunderschön?“ Sie lächelte, nickte nur zur Antwort. Ihre Hände fanden sich und sie lagen eine ganze Weile dort.

Nach einiger Zeit sprang sie plötzlich auf, voller Euphorie, und riss ihn aufgeregt am Arm nach oben. „Lass uns was Verrücktes machen!“, wiederholte sie ein paar Mal, sich um die eigene Achse drehend. Das ließ er sich nicht zwei Mal sagen und fing an, sich auszuziehen, so schnell, dass er bereits seine Hose abgestreift hatte, als sie sich wieder zu ihm drehte. „Was wird das?“, fragte sie verblüfft. „Du wolltest etwas Verrücktes machen, bitteschön! Ich werde jetzt nackt über die Wiese rennen. Es ist schließlich Frühling!“ Sie glaubte ihren Augen kaum, als er im nächsten Moment splitterfasernackt an ihr vorbeisauste, der Länge nach die Wiese entlang, sich kurz darauf durch das Gras rollte und Purzelbäume schlug. Sie lachte, sah sich um, ob niemand kam und wurde dann von seiner Freude angesteckt. Die Klamotten lagen schnurstracks am Boden und im nächsten Moment rannten sie gemeinsam hin und her. Sie ließen los, kapselten sich von allem um sich herum ab und flogen wie die Kirschblüten über die Wiese dahin. Und tatsächlich, ihre von der Kälte bleichen Körper sahen beinahe so blass aus wie die pinkweißen Kirschblüten, die jetzt die ganze Luft erfüllten.

Noch einmal waren sie wie Kinder, die sich nicht davor scheuten, nackt zu sein. Sie flogen hoch, blickten auf Wolke 7 herab. Eins führte zum anderen und irgendwann lagen sie da, eng umschlungen, die Zeit völlig außer Acht gelassen. Plötzlich röhrte in der Ferne eine Kettensäge oder ein Traktorenmotor, der sie aufschrecken ließ. Nervös sahen sie sich um, konnten aber nichts sehen. Ihre Klamotten lagen auf der anderen Seite der Wiese und jetzt, da sie aus ihrer Euphorie zurück in die Realität geholt worden waren, spürten sie erst die Kälte wieder.

Das Geräusch kam näher und sie beeilten sich, rechtzeitig zu ihren Klamotten zu kommen. Sie waren gerade dabei, ihre Jacken überzustreifen, als auf der Anhöhe, den Feldweg hinabfahrend, ein Traktor erschien. Bibbernd standen sie da und sahen dem Störenfried entgegen. Ein kleiner grüner Traktor mit zugezogenem Verdeck kam angetuckert und hielt vorne an der Wiese an. Ein rüstiger alter Bauer im Blaumann kam zum Vorschein. Hatte er sie etwa gesehen? Würde er sie gleich davonjagen? Doch anstatt auf sie zuzulaufen, schien er in der Wiese nach etwas zu suchen.

Die Situation war ihnen mehr als unangenehm, und die Ungewissheit darüber, ob er sie gesehen hatte, platzte in Form eines „Hallo!“ aus ihnen heraus. Der Bauer grüßte freundlich zurück, wandte sich dann aber wieder seiner Suche zu. „Brauchen Sie Hilfe?“, fragte er aus erzwungenem Pflichtbewusstsein, wofür er sich sofort einen Seitenhieb von links einfing. Der Bauer übersah das und sagte, das „R“ großzügig rollend: „Danke, nein. Ich hab nur meine Brille verloren, als ich vorhin…“ Plötzlich stockte er, ein peinliches Schweigen trat ein. Alle wussten Bescheid. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, machten sie sich auf die Suche, bis die Brille endlich gefunden war. Sie überreichte sie ihm, ohne ihn dabei anzusehen.

„Danke, vielen Dank! Ich…ich hab nur nach dem Rechten sehen wollen, Sie…“, es war nicht nötig, das weiter auszuführen. Inzwischen hatte er die Picknicksachen zusammengeräumt und aufs Fahrrad geladen. Sie standen bei den Fahrrädern, drucksten herum. Schließlich fing der Bauer wieder an: „Na dann…“ Da die Situation keine weiteren Worte zuließ, verschränkte er die Hände auf dem Rücken und lief davon. Doch dann drehte er sich nochmal um, schien auf irgendwelchen Worten herumzukauen, die nicht recht rauskommen wollten, während er irgendetwas murmelte. Er fasste sich dann doch ein Herz und sagte ganz entschlossen: „Es ist nur…was Sie beide da haben. Also wenn ich so eine Liebe gehabt hätte, die selbst bei so einem – entschuldigen Sie – Scheißwetter so frühlingshaft daherkommt, also ich weiß nicht…Heirate sie, Bursche! Und lass sie nie wieder gehen! Das, also, das wollte ich nur gesagt haben. Tut mir leid…Sie wissen schon, ich hab nichts gesehen…Heirate Sie, unbedingt! Gut, ich werd’ dann mal…einen schönen Sonntag für Sie!“

Erst, als der Traktor hinter der Anhöhe verschwunden war, trauten sie sich wieder zu sprechen. „Seltsam!“, platzte es aus ihr heraus. „Absolut schräg!“, fügte er hinzu. „Was hat er sich nur dabei gedacht…“ „Der schönste Tag seit langem…“, fiel sie ihm ins Wort. „Seit ich dich kenne“, kam es wie aus der Pistole geschossen. „Und, befolgst du denn Tipp des Alten?“, drängte sie ihn beim Heimfahren. Er verzog das Gesicht zu einer Grimasse, schaute in den grauen Himmel hinauf und antwortete dann mit einem breiten Grinsen: „Weiß nicht, vielleicht im Frühling!“ Er trat in die Pedale und schoss davon, das Quietschen hinter ihm wurde lauter.

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