Auf der Bank

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Dank Katja Wakeham jetzt auch zum Anhören verfügbar:

Draußen bei den Feldern, weit hinten am Waldrand, stand eine Bank, auf der ich meine Mittagspausen verbrachte. Ich teilte sie mir mit einem Bären. Gemeinsam starrten wir in die Ferne; ich bis zu den Baumwipfeln, er über den Horizont hinaus. So teilten wir uns die Aussicht gerecht auf. Der Bär sprach nicht, überhaupt erweckte er nicht den Anschein, als hätte er Interesse an einer Konversation. Wir sahen uns nicht einmal an, immer nur gerade aus. Ich bis zu den Baumspitzen, er über den Horizont hinaus. Das machte Sinn bei seiner Größe. Wenn die Mittagspause vorbei war, ging ich, ohne ein Wort zu sagen. Meistens blieb er noch sitzen. Manchmal glaubte ich, er säße dort den ganzen Tag, so ruhig und besonnen, wie er wirkte.

Es ereignete sich im April, dass eine neue Kollegin in meiner Abteilung anfing. Wir verstanden uns von Anfang an recht gut, teilten denselben Humor und hatten darüber hinaus viele gemeinsame Hobbys, das Wandern zum Beispiel. Eines Tages, es musste ihre dritte Woche gewesen sein, da fragte sie mich, wohin ich in der Mittagspause immer verschwand. Ich zögerte einen Moment, da ich nicht wusste, wie der Bär reagieren würde, wenn ich jemanden mitbrachte. Außerdem war die Bank nicht besonders groß, vielleicht hätte sie gar nicht zwischen uns gepasst. Doch sie sah mich so freundlich an, dass ich gar nicht anders konnte, als ihr die Wahrheit zu sagen. Zwei Minuten später liefen wir den Feldweg entlang in Richtung meiner Bank.

„Weißt du“, begann ich, „ich teile mir diese Bank mit einem Bären. Ich hoffe, das ist in Ordnung für dich.“

Sie gab mir statt einer Antwort nur ein vielsagendes Lächeln, was mich dazu veranlasste, den Mund zu halten. Den Bären würde sie sowieso noch früh genug sehen. Als wir uns der Bank näherten, begann mein Herz schneller zu schlagen. Plötzlich wurde ich nervös, schließlich war der Bär so etwas wie mein Freund, auch wenn wir nie ein Wort miteinander gesprochen hatten, und sie war so etwas wie ein Date. Ich war gespannt, wie er reagieren würde. Vom Weg aus sah man die Bank nicht, sie befand sich hinter einer Reihe Sträucher und Bäumen. Kurz bevor wir an der Weggabelung abbogen, dachte ich, mein Herz würde zerplatzen vor lauter Anspannung. Aber dann sah ich, dass die Bank leer war.

Die Erkenntnis traf mich wie ein Schlag ins Gesicht. Jeden Werktag – und das seit Jahren – haben wir uns hier zu genau dieser Uhrzeit getroffen und jetzt war er nicht da. Mir schossen die schlimmsten Gedanken in den Kopf. Was, wenn ihm etwas zugestoßen war?

„Wo ist dein Bär?“

„Ich weiß nicht, normalerweise ist er immer schon da. Ich hoffe, es geht ihm gut.“

„Bestimmt. Das ist ein wirklich schöner Platz hier, so ruhig… Wollen wir uns setzen?“

„Natürlich.“

Und dann saßen wir und schauten einfach gerade aus. Eine Weile sagte ich nichts, doch dann fiel mir die stille Abmachung mit dem Bären ein, die ich für erwähnenswert hielt.

„Also, der Bär und ich teilen uns die Aussicht ein. Ich schaue bis zu den Baumspitzen und er über den Horizont hinaus.“

Diese Aussage schien sie zu verwirren. Vermutlich hielt sie mich für völlig wahnsinnig. Doch dann sagte sie nur: „Das macht keinen Sinn. Jeder sollte dorthin schauen, wo es gerade am schönsten ist.“

Ihre simple Logik stimmte mich nachdenklich. In all den Jahren hatte ich nie daran gezweifelt, dass ich jenseits der Baumwipfel etwas verpassen könnte. Der Bär und ich hatten uns wortlos auf diese Aufteilung geeinigt und seither hatte ich sie nie hinterfragt. Und jetzt auf einmal sollte ich über den Horizont hinausschauen? Mir wurde schwindelig, ich musste mich an der Bank festhalten.

„Was hast du?“, fragte sie mich besorgt.

„Nur so eine Vorahnung.“

Seit jenem Tag begleitete sie mich in jeder Mittagspause zu der Bank und je weiter das Jahr fortschritt, desto geringer wurde der Abstand zwischen uns. Bis wir eines Tages im Sommer eng umschlungen dasaßen und uns zum ersten Mal unter den suchenden Augen eines Falken küssten. Der Bär war nicht mehr aufgetaucht, doch in meinem Gedanken suchte er mich noch oft heim. Je mehr ich darüber nachdachte, desto absurder schien mir die stille Freundschaft, die ich einst mit ihm geteilt hatte. Ich fragte mich, ob das alles nur Einbildung gewesen war.

Langsam kam der Winter, bei unseren mittäglichen Spaziergängen brauchten wir jetzt Handschuhe. Vielleicht war das der Grund, dass sie sich eines Tages erkältete und den Rest der Woche zu Hause bleiben musste. An einem Mittwoch beging ich daher zum ersten Mal seit Monaten wieder alleine meinen so wohlbekannten Weg zu der Bank. Beim Gehen dachte ich an nichts und den bevorstehenden Winter. Meine Augen tränten, weil der kalte Wind sie reizte. Immer wieder musste ich mir das Wasser mit dem Jackenärmel aus dem Gesicht wischen, um wieder klar sehen zu können. Bei der Bank würde es besser werden, dachte ich und beschleunigte meine Schritte auf den letzten Metern.

Als ich um die Ecke bog, staunte ich nicht schlecht. Er war wieder da. So groß und stolz und schweigsam wie eh und je. Auch er musste mich bemerkt haben, doch regte sich nicht. Unsicher trat ich an die Bank heran und sah ihn eine Weile an, ob nicht doch eine Regung in seinem Gesicht auszumachen war. Nichts. Er starrte über den Horizont hinaus in den Himmel. Also setzte ich mich und tat, was ich immer getan hatte. Ich sah auf die Felder, höchstens auf die Baumspitzen.

Eine tiefe Stimme riss mich aus meiner Schwelgerei. Tatsächlich, dachte ich, er hat eben gesprochen. „Was?“, rief ich ungläubig aus.

„Ich habe gesagt, du brauchst mich jetzt nicht mehr“, wiederholte der Bär sich.

„Doch, ich habe dich immer gebraucht.“

„Du hast über den Horizont hinausgeblickt. Du weißt, was das heißt.“


„Ja, ja, das weiß ich. Aber ich fürchte mich.“

„Dein Blick wird sich festigen.“

„Aber, was wenn ich meinem Bauchgefühl nicht trauen kann?“

„Ich bin ein Bär, mein Instinkt sichert mein Überleben. Von deinen menschlichen Berechnungen verstehe ich nichts. Jetzt werde ich gehen. Richte deinen Blick nach oben, dort gibt es eine Menge für dich zu sehen. Leb wohl“, sagte er, hob seinen schweren Körper von der Bank, fiel auf alle viere und trottete los in Richtung Feld, wo er schon bald im Wald verschwinden würde.

„Warte!“, rief ich ihm hinterher und wollte ihm schon nachlaufen. Doch sein bedrohliches Knurren hielt mich zurück. Alsdann konnte ich nur noch zusehen, wie sein riesiger Körper immer kleiner wurde, bis er im Dunkel des Waldes verschwand, für immer.

Seit jenem Tag waren fünf Jahre vergangen. Sie und ich hatten in der Zwischenzeit geheiratet, eine Wohnung gekauft und einen Jungen bekommen. Alles war, wie ich es mir immer gewünscht hatte. Als der Junge drei Jahre alt wurde, schenkten wir ihm ein kleines Tretfahrrad, mit dem er fortan alle Tage fahren wollte. An den Wochenenden waren wir stundenlang mit ihm unterwegs, wenn seine kleinen Beinchen mal wieder nicht aufhörten, das Fahrrad vorwärts zu schieben. Er erinnerte mich sehr an mich in diesem Alter, auch er war ein kleiner Draufgänger.

An einem Freitag besuchten seine Mutter, die mittlerweile einen anderen Job hatte, und er mich bei der Arbeit. In der Mittagspause liefen wir los, das heißt, er fuhr uns vorweg. Er wurde immer schneller, wir kamen oft kaum hinterher. Irgendwann war er uns so weit voraus, dass wir ihn hinter einer Baumreihe kurz aus den Augen verloren. Als wir angerannt kamen, saß er dort auf seinem Fahrrad und blickte neugierig aufs Feld hinaus. Er drehte sich zu uns um und sagte voller Euphorie: „Mama, Papa, da war gerade ein Baby-Bär!“

Ich sah ihn, sah links am Wegrand die Bank, sah das Feld, sah meine Frau und begann zu weinen.

Er hatte ihn auch.

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