#Hammermann

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Die Geschichte könnt ihr euch in der Vertonung von Katja Wakeham auch anhören:

Die Autos, die links an P vorbeifuhren, verschwanden bereits nach fünfzig Metern wieder im Nebel. Er sah ihren blasser werdenden roten Rückleuchten hinterher, bis sie weg waren. Dann ließ er seinen Blick über die Brüstung der Brücke schweifen, hinter der man an klaren Tagen das Tal, einige Dörfer und die Berge sehen konnte. Eine graue Wand fing seinen Blick ein und lenkte ihn wieder auf die Straße. Die Autos, die vor ihm fuhren, waren so langsam, dass er sich keinen Moment der Unachtsamkeit erlauben konnte. Immer wieder beschleunigte er, fuhr zu nah auf, bremste ab und fiel erneut zurück, als söge der Nebel an ihm, um ihn zurückzuhalten.

Aber er musste zur Arbeit, den Laden aufschließen und würde zu spät kommen, wenn der Verkehr sich nicht bald lichtete. Nicht, dass ihm das etwas gemacht hätte bei seiner aktuellen Gemütslage, aber alte Gewohnheitsmuster treiben den Körper auch an, wenn der Kopf in anderen Sphären schwebt. Was los war, das konnte er nicht in tausend Büchern beschreiben und trotzdem mit einem Wort beziffern: Nathalie. Die Frau, die einen noch undurchdringlicheren Nebel in seinem Kopf beschwor, als der durch Kondensation entstandene Schleier um ihn herum. Hirnnebel nannte er das, weil er sich so verloren fühlte und nicht sehen konnte, was aus dem Dunst als Nächstes aufsteigen würde: Freude, Kummer, Angst, zwanghafte Fantasien, die allesamt mit ihr verbunden waren und sich in jeden rationalen Gedankenstrang einreihten, um ihn ins Leere laufen zu lassen.

Neulich hatte er nicht gemerkt, dass ein Kunde in den Laden gekommen war und erst später beim Durchsehen der Überwachungsvideos gemerkt, wie gedankenverloren er dagestanden hatte. In diesem Zustand hatte er das letzte halbe Jahr verbracht. Wenn sie anrief, war er ein Gott, wenn sie nicht auf seine Nachrichten antwortete, speiste er bei den Ratten. Jeglicher Versuch, die Gedanken an sie umzulenken oder in positive Energie umzuleiten, war bislang gescheitert. Das Fitnessstudio zahlte er zwar noch, ging aber nicht mehr hin. Beim Bankdrücken hatte er vor lauter Schwelgerei zu viel Gewicht aufgeladen und wäre beinahe unter der Hantel erstickt, hätten ihm nicht zwei andere Trainierende geholfen. Beim Thaiboxen hatte ihn sein Sparring-Partner K. O. gehauen, als er für einen Moment entschwunden war. Den Schlag spürte er heute noch. Direkt auf die Nase. Er fasste sich ins Gesicht, als er plötzlich realisierte, dass er schon an der Ausfahrt zu seinem Bestimmungsort stand. Es hatte sich ein kleiner Stau auf dem Verzögerungsstreifen gebildet, wie jeden Morgen. Nur dieses Mal hatte er keinerlei Erinnerung, wie er hier hergekommen war. Er prüfte das Auto vor sich, wie um festzustellen, ob er nicht aufgefahren war. Nichts zu sehen, sowohl das Auto als auch er selbst waren unversehrt. Noch. 

Der Vorschlaghammer hatte hinten im Abstellraum gestanden, wo ihn nach der Renovierung des Ladens irgendjemand verstaut haben musste. Bis zu diesem Tag hatte er zum Inventar gehört, wie die etlichen Regale und Boxen mit neuer Ware, war beim Betreten des Raumes fast in den Hintergrund gerückt. In einem Moment der spontanen Introspektion hatte sich P daran erinnert. Doch jetzt, da der Hammer neben im auf der Straße lag, zwischen den Polizeiautos, den Schaulustigen und dem zersplitterten Glas, konnte er sich nicht mehr entsinnen, wie er ihn aus dem Abstellraum geholt hatte, geschweige denn, wie er mit ihm hier hergekommen war. Die teils entsetzen, teils belustigten Gesichter verwirrten ihn, auch wenn sie klar erkennen ließen, dass etwas Furchtbares vorgefallen war. Einige dieser Menschen kamen ihm merkwürdig vertraut vor, aber unter all ihren Gesichtern fand er nicht das eine, welches er jetzt gerne gesehen hätte. Stattdessen war da nur dieser grimmige Polizist, der in einem Schwall auf ihn einbrüllte, die Hand abschussbereit an der Waffe. Dabei ging von P keinerlei Gefahr mehr aus, es war vorbei. Alles war so friedlich, eingelullt in dicke Nebelschwaden, wie heute Morgen, wo all das noch nicht im geringsten eine Möglichkeit im Gezeitenfluss der Zukunft gewesen war.

Und dann zog die Welt in raschen, sich verzerrenden Bildern an ihm vorbei. Er saß in einem Auto, auf dem Rückfahrersitz, der durch eine dicke Scheibe vom Fahrersitz getrennt war. Darin saß ein Mann mit einer Halbglatze, der mit irgendjemanden sprach, der nicht physisch vor Ort war. Langsam realisierte P, was er getan hatte. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es kurz nach halb eins war. Das letzte Mal, als er auf die Uhr gesehen hatte, war beim Betreten des Ladens um kurz vor acht gewesen. Er konnte sich nicht an die gut viereinhalb Stunden erinnern, die seit diesem Zeitpunkt vergangen waren. Alles, was er wusste, war, dass seine Arme und besonders seine Faust schmerzten. Sie steckte in einem dicken Verband, unter dem sie stärker pochte, als sein Herz. So sehr er auch versuchte, sich zu schämen für sein Vergehen, er konnte es nicht. Im Gegenteil, er war froh, dass endlich jemand anderes die Kontrolle über sein Leben übernahm. Jetzt konnte er alles über sich ergehen lassen, ohne sich selbst in die Verantwortung nehmen zu müssen.

Er gestand alles, was ihm der Polizist auf der Wache aus seinen Notizen vorlas. Gegen zwölf Uhr hatte ein Kunde, der sich zu diesem Zeitpunkt im Laden befand, beobachtet, wie P zunächst sein Handy auf der Ladentheke zerschmettert und anschließend einen Spiegel in unmittelbarer Nähe mit der bloßen Faust zerschlagen hatte. So war es, pflichtete P bei. Unvermittelt lief er daraufhin in den Lagerraum und kam nach einigen Sekunden mit einem riesigen Vorschlaghammer wieder zum Vorschein, woraufhin der Kunde die Flucht ergriffen hatte. Mehrere Passanten wollen anschließend beobachtet haben, wie P in wenigen Minuten seinen eigenen Laden in Schutt und Asche zerlegte. Innerhalb kürzester Zeit verbreiteten sich Videos davon auf Twitter und Instagram. Der Hashtag #hammermann schaffte es bis auf Platz 3 der Twitter-Trends.

Als P den Laden dann verließ, hatte sich bereits eine ganze Traube Schaulustiger in sicherer Entfernung auf der anderen Straßenseite positioniert, um ihm dabei zuzusehen, wie er auf das Dach des nächstbesten Autos stieg und rundherum die Scheiben zertrümmerte. Nachdem es mit dem Vorschlaghammer nicht mehr möglich gewesen war, noch mehr Schaden anzurichten, war er zum nächsten Auto übergangen, seinem eigenen. Obwohl in der Ferne schon die nervösen Sirenen aufheulten, schaffte es P noch drei weitere Fahrzeuge sowie die Fensterscheiben zweier benachbarter Ladengeschäfte zu zertrümmern. Beim Eintreffen der Einsatzkräfte hatte er gerade die Straße überqueren wollen, wahrscheinlich mit dem Ziel, die dort ansässige Drogerie zu zerstören. Allerdings konnten ihn die Polizisten durch lautes Gebrüll und ihre gezogenen Waffen davon abbringen.

Er sackte auf der Stelle nieder, ließ den Hammer fallen und sah starr vor sich hin. Zwei kräftige Polizisten brachten ihn zu Boden und verfrachteten ihn zunächst in einen Krankenwagen, wo seine Wunde an der Faust versorgt wurde und dann in einen Streifenwagen. Dort endete der Bericht. P nickte alles ab und unterschrieb sein Geständnis, erleichtert darüber, niemanden verletzt zu haben. Als der Polizist ihn aber fragte, weshalb er das getan hatte, wurde P schwarz vor Augen. Sein Gedächtnis wurde zurück zu dem Moment katapultiert, an dem all das hier seinen Anfang gehabt hatte. Eine kurze Nachricht, die Absenderin Nathalie: „Ich kann dich nicht so lieben, wie du mich.“

Nach dem letzten Wort hatte er eine Art Knall in seinem Kopf verspürt, als wäre ein zu lange überspanntes Stahlseil gerissen und hätte die letzte Verbindung zu seinem rationalen Verstand gekappt. Die erneute Nachfrage des Polizisten riss ihn aus seiner Erinnerung. Da lag die Antwort plötzlich auf der Hand. „Liebe“, sagte P knapp und ergänzte dann noch schnell: „Die schlechte Art.“ Der Polizist nickte und notierte etwas. Dann bat er P, ihm zu folgen. Der, froh, endlich nicht mehr seinem eigenen vernebelten Urteilsvermögen ausgesetzt zu sein, folgte ihm bis zu einer Zelle, ließ sich einsperren und lächelte das erste Mal seit sechs Monaten ein ehrliches Lächeln. 

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