Wem ich im Wald begegnete…

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Ich bog gerade vom asphaltierten Weg in den Trampelpfad runter zum Wald ab, als ich in der Ferne das erste Donnergrollen hörte. Als ich nach oben sah, war der bis eben noch strahlend blaue Himmel schon zur Hälfte mit dicken Gewitterwolken verhangen. Ihr Grau war so schwer und voll, dass es nur noch Sekunden dauern konnte, bis sie sich über mir ausgießen würden.

Statt umzudrehen, zog ich das Tempo an. Vielleicht, dachte ich, könnte ich das aufziehende Gewitter noch überholen, wenn ich nur schnell genug lief. Zwischen den Bäumen wehte der Wind bereits die kalte Luft hindurch, die die Wolken mit sich brachten. Mit jedem Atemzug roch es mehr nach Regen. Die Vögel flatterten nervös durch die Baumkronen, uneinig, ob ich oder der Sturm sie mehr beunruhigen sollten. Jeder meiner Schritte scheuchte sie scharenweise aus den Büschen und Sträuchern.

Nach einigen Metern, als hätten sie sich abgesprochen, war es plötzlich ganz still, zwischen jedem Auftritt meiner Füße und jedem knackenden Ast schien ein Vakuum zu entstehen. Dann krachte in der Ferne ein gewaltiger Blitz vom Himmel, gefolgt von einem einsamen Regentropfen, der sich auf meinem Kopf mit meinem Schweiß vereinigte und langsam über meine Wangen hinunterlief, an meinem Kinn abperlte und schließlich von meinem T-Shirt aufgesogen wurde.

Der Weg vor mir schlängelte sich am Hang entlang zwischen den Fichten und Birken hindurch, ich lief in einer der Spurrillen der Traktoren, die hier ab und zu die Stämme aus dem Wald zogen. Die Mitte des Weges war überwuchert mit Gräsern und kleinen Sträuchern. Das langsame, ungleichmäßige Tapsen der Regentropfen wurde immer lauter, bis ich die Nässe trotz meines Tempos auf mir fühlen konnte.

Das Dorf war zu weit weg, um es noch vor dem Gewitter zu erreichen. In Gedanken ging ich meine Optionen durch, die aufgrund meiner exponierten Lage nicht sehr zahlreich waren. Zum Glück erinnerte ich mich an eine alte Wanderhütte, die nicht weit von hier am Wegesrand stand und mir Schutz bieten könnte, bis das Gewitter weitergezogen war. Als hätten meine Beine nur auf den Befehl gewartet, schoben sie mich mit einer ungeahnten Kraft nach vorne und ich erreichte die Hütte noch bevor es richtig losgegangen war. Mit einem großen Hechtsprung rettete ich mich ins Innere und sah zu, wie sich ein grauweißer Regenschleier zwischen mich und den Wald schob.

Von da an verfiel der Himmel in eine polternde, grollende Raserei und schoss im Minutentakt feurige Blitze auf die Erde. Es dauerte nicht lange, bis sich der Pfad vor der Hütte in ein Rinnsal verwandelt hatte, in dem Blätter und kleinere Äste ins Tal hinabgeschwemmt wurden. An den Pfosten des Eingangs gestützt sah ich dem Spektakel zu, während ich langsam zu einem normalen Atemrhythmus zurückfand.

Ich lehnte den Kopf ans Holz und begann nachzudenken. Irgendwie war ich nun doch froh, nicht sofort nach Hause gelaufen zu sein. Noch nie zuvor hatte ich ein Gewitter so nahe und intensiv erlebt, die Veränderung, die es über den bis vor wenigen Minuten noch staubtrockenen Wald gebracht hatte, war fast so dramatisch, wie der Wechsel von Winter zu Frühling. Von hier drinnen blickte ich auf eine andere Welt, als die, aus der ich gekommen war. Wo eben noch die Vögel gesungen hatten, schimpfte nun der Donner und wo ich eben noch Akteur gewesen bin, war ich nun Zuschauer.

Ich suchte ein Muster im Regen, der in verschiedene Richtungen zu fallen schien, doch immer, wenn ich ihn zu entlarven drohte, wechselte er die Richtung. Dort war kein Verständnis, nur die pure Schönheit der Natur. Nachdem ich noch eine Weile dagestanden hatte, machte ich einige Schritte zurück, weil das Spritzwasser an den Füßen allmählich kalt wurde. Die Temperatur war gefühlt um zehn Grad gefallen.

Ich mich auf die Sitzleiste an der Wand, zog die Beine an und beobachtete weiter den Regen. Meine Aufmerksamkeit war die ganze Zeit über so von den Ereignissen vor der Hütte eingenommen gewesen, dass ich gar nicht bemerkte hatte, was sich im Inneren abspielte. Ich war nicht allein. Mit einem Mal begegnete meinen Augen ein zweites Paar, dass mich unwillkürlich zusammenzucken ließ. Genau in diesem Moment ertönte ein ohrenbetäubendes Donnern am Himmel, sodass mir das Herz in die Hose rutschte und ich die Augen aus dem Blick verlor.

Es dauerte kurz, bis ich mich gesammelt hatte und sie wiederfand. Sie hatten sich nicht von der Stelle gerührt. Als sich unsere Blick trafen, spürte ich, wie eine unangenehme Empfindung durch meinen Körper schoss. Das waren keine Menschenaugen, so etwas hatte ich noch nie gesehen. Mein Hirn arbeitete auf Hochtouren, um dieses Wesen mit allen mir bekannten heimischen und fremden Tierarten abzugleichen, um meine Angst zu rationalisieren.

Leider konnte es nichts finden und Angst schien genau die richtige Emotion zu sein, um mit dieser Situation umzugehen. Der einzige Fluchtweg führte mich direkt zurück ins Ungewitter, wo die Gefahr, von einem Blitz getroffen zu werden, keine befriedigende Alternative bot, zumal mich meine Furcht regelrecht lähmte. Der Blick dieses Dings bannte mich an Ort und Stelle. Wenigstens rührte es sich nicht, es hockte dort, mit seinen durchdringenden Augen und starrte mich an, als wäre ich gar nicht da.

Flucht war keine Option, um ihm zu entkommen. Nicht nur ich realisierte das, sondern auch mein Unterbewusstsein. Das Adrenalin, das durch meinen Körper floss, ließ mich den Raum nach einer Waffe absuchen, einem Stock oder einem Stein, um im Notfall auf das Wesen einschlagen zu können oder mich wenigstens zu wehren. Doch die Hütte war leer, bis auf einen rostigen Mülleimer, der an einen Pfosten geschraubt war, befand sich nichts darin. Ich war ihm hilflos ausgeliefert, genauso hilflos, wie ich den Blitzen ausgeliefert gewesen wäre, hätte ich mich nach draußen geflüchtet.

Währenddessen war mein Blick die ganze Zeit auf dieses Ding gerichtet, das mich mit einer scheinbar teilnahmslosen Gleichgültigkeit beäugte. Dort war keinerlei Angst in seinen Augen zu sehen, es war fast so, als wolle es in Ruhe gelassen werden. Trotzdem maß ich es mit dem Auge ab und versuchte meine Chancen in einem Zweikampf abzuschätzen. Schnell begriff ich, dass es mich in in Stücke reißen würde, käme es tatsächlich zum Äußersten.

Nicht eine Sekunde brach unser Blickkontakt ab, seit ich es bemerkt hatte, stand ich unter Vollspannung. Komischerweise wünschte ich mir in diesem Moment, nie vom Türrahmen weggetreten zu sein. Vielleicht hätte ich so das Gewitter abwarten können, ohne jemals von dieser Kreatur Kenntnis zu nehmen. Dafür war es jetzt zu spät, ich konnte meinem Bewusstsein nicht befehlen, es zu ignorieren.

Wie wild pumpte mein Herz Blut durch meine Venen. Ich war bereit für alles und nicht im Stande, irgendetwas zu unternehmen. Langsam wich die Angst Abscheu, mein außer Kontrolle geratenes Hirn dachte sich die fiesesten Beleidigungen für dieses hässliche Etwas aus und versuchte sich so von der angsteinflößenden Realität abzulenken. Es klappte, für vielleicht zehn Sekunden, dann holte mich mein Sehsinn zurück. Ich konnte nicht fliehen, nicht kämpfen, es nicht ignorieren oder denunzieren.

Unterdessen tobte draußen das Unwetter weiter, als wolle es auf sich aufmerksam machen. Nichts davon drang zu mir vor, bis auf die Frage, wie lange so ein Wolkenbruch in der Regel dauerte. Eine halbe Stunde? Eine Stunde? Wie viele Gedanken passen in eine Stunde? Wäre es schlimmer vom Blitz erschlagen oder von diesem Vieh getötet zu werden? Immer wieder folgte ich wahllos irgendwelchen Gedanken, bis ich kurz davor war, meine Situation zu verdrängen, nur, um dann sehr unsanft durch diese zwei kalten Augen daran erinnert zu werden, wo ich war und mit wem ich dort war.

Die einzige Bewegung, die ich mich traute zu machen, war das unvermeidliche Zwinkern meiner Augen. Ich atmete so flach, dass sich mein Bauch kaum wölbte, aus Angst, seine Aufmerksamkeit unnötig zu erregen. Allmählich fühlte ich eine bizarre Sicherheit in mir aufkeimen, die daraus entstand, dass ich es anstarrte. Solange sich unsere Augen begegneten, dachte ich, waren wir in einer Pattsituation. Meine Augen waren überdies die einzigen Muskeln, über die ich noch Kontrolle hatte, der Rest schien zu machen, was er will.

Trotz dieser Gebanntheit legte ich mir den Plan zurecht, sofort loszulaufen, wenn der Regen und die Blitze aufgehört hatten. Die Nähe zur Tür würde mir zumindest einen kleinen Vorsprung geben, den ich nutzen müsste, um direkt kehrt zu machen und den Abhang hinter der Hütte hinunterzusprinten, sodass ich mich auf die Straße unten im Tal retten könnte. Den Hang hinunter durchs Gestrüpp würde ich es vielleicht abhängen können, malte ich mir aus. Desto mehr ich über den Plan nachdachte, desto stärker fühlte ich die Ohnmacht in meinen Knochen.

Sein Blick war so fesselnd, dass er keinerlei Aktion zuließ. Ich traute mich nicht mal, mein Handy aus der Tasche zu fischen, um einen Notruf abzusetzen. Jede Bewegung hätte mein Ende bedeuten können. All das schien mir mit einem mal so absurd, dass ich kurz auflachte. Ein kurzes, abgehacktes „Ha“ presste sich in die laute Stille zwischen mich und es und ließ mein Herz für zwei Schläge aussetzen. Reue, Angst, Panik. In seinen Augen glaubte ich eine winzige Regung erkannt zu haben, die mich dazu veranlasste kurz zu zucken.

War es real? War nicht die Chance größer, dass ich verrückt war, als dass ein solches Wesen mir tatsächlich gegenübersaß? Wie um meine Theorie zu verifizieren, streckte ich mein rechtes Bein von mir, da es kurz davor war einzuschlafen und stellte mit Entsetzen fest, dass es meinem Fuß folgte mit seinem Blick. Nein, es war zu lebendig, um meiner Fantasie entsprungen zu sein. Ich musste es aussitzen und abwarten, wie das Reh, dass vor lauter Schreck direkt in den Lauf des Gewehrs sieht kurz bevor der Schuss fällt und es niederstreckt.

Vielleicht lag in dieser Reaktion Akzeptanz, die Hinnahme des Unabwendbaren. Aber was war das eigentlich? Dieser Gedanke war noch schrecklicher, als sich an die schwindende Hoffnung zu klammern, dass doch noch alles gut werden würde. Minuten vergingen, eine kleine Ewigkeit, ohne dass ich einer von uns beiden regte. Das Gewitter schien derweil abzuflauen und zog langsam Richtung Westen weiter. Was ich mir vorhin noch herbeigewünscht hatte, fühlte sich jetzt wie mein sicheres Todesurteil an, da ich glaubte, es sei mein einziger Schutz vor diesem Wesen.

Und mit jedem Tropfen weniger der vom Himmel fiel, wurde ich ein Stück panischer, bis sich ein einsamer Sonnenstrahl durch ein Astloch in der Wand zu uns in die Hütte verirrte. Er fiel direkt auf den Boden, um anzukündigen, dass es nun vorbei war. Nur für wen? Meinen Plan, abzuhauen, hatte ich längst über den Haufen geworfen, meine Beine waren weich wie das nasse Laub vor der Hütte. Urplötzlich merkte ich, dass die Augen, die mich bislang fixiert hatte, nicht mehr dort waren, wo sie hingehörten.

Das Wesen hatte sich erhoben und stand nun vor mir. Nicht in der Lage mich zu bewegen, betete ich jedes Gebet, das ich als Kind gelernt hatte und versuchte meinen Frieden zu finden, als es unversehens an mir vorbei zum Türrahmen trat und für einen Augenblick nach draußen sah. Der Regen hatte so gut wie aufgehört. Da drehte es sich um und warf mir einen seltsam versöhnlichen Blick zu, trat hinaus, sah nach links, sah nach rechts, und ging in dieser Richtung fort.

Ich lauschte dem Platschen seiner Schritte im Matsch, bis ich ganz sicher war, sie nicht mehr zu hören. Erst dann traute ich mich aufzustehen und vorsichtig zum Türrahmen vorzulaufen. Die Sonne schien mir entgegen und blendete mich. Mit der Hand vor den Augen lugte ich aus der Hütte und scannte den Wald ab. Nichts als triefende Bäume, Pfützen und einige mutige Vögel, die sich wieder herausgewagt hatten.

Im Matsch glaubte ich einen Fußabdruck zu erkennen, doch die Angst war zu groß, um ein Foto zu machen. Überall im Gebüsch vermutete ich seine Augen und als sich einen Fluchtweg ausfindig gemacht hatte, sprintete ich los. Ich lief an der Hütte vorbei, streckte einen Arm aus, um mich mithilfe eines Baumes zu drehen und sprang den Hang hinunter. Mit großen Schritten nährte ich mich dem Tal.

Bald hörte ich die rettende Straße unter mir. Ohne auf den Verkehr zu achten, sprang ich aus dem Gebüsch wäre beinahe von einem Auto erfasst worden. Die Frau konnte gerade noch bremsen, aber touchierte mich leicht mit ihrer Stoßstange. Sofort riss sie die Tür auf und brüllte mich an. Noch völlig außer Atem hob ich den Kopf, sah sie an und war froh am Leben zu sein. 

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