Home lost Home

H

Der Müll der Stadt, die Abgase der Meiler, der Gestank, die zahllosen Menschen überall, die Unruhe, innen wie außen, Lärm von hunderttausend Autos und Straßenbahnen. Leuchtreklame in unzähligen Farben, die um die Gunst der Nachtschwärmer buhlen, die einen mit Sex, die anderen mit Burgern und Alkohol. War es das, was sie bewegte, die Stadt zu verlassen?

Der Entschluss stand, ihre sieben Sachen passten in einen kleinen Rucksack, der so schwarz war wie ihre Klamotten, wie die Ränder unter ihren Augen von den durchzechten Nächten in dieser krankhaften Zelle menschlicher Vergnügungslust. Ein letztes Mal betrachtete sie ihre kleine Wohnung. An jedem Möbelstück haftete eine Erinnerung. Das Sofa, sie hatte es auf der Straße gefunden, in mühsamer Handarbeit wieder hergerichtet und die meisten Nächte darauf verbracht, wenn sie sich einsam fühlte. Der Tisch in der Küche, aus massivem Holz, von dem sie schon als Kind gegessen hatte und für den sie all ihre Überredungskünste bei ihren Eltern hatte anwenden müssen, um ihn in die neue Wohnung mitnehmen zu dürfen. Das Bett mit dem kaputten Sockel – was waren das für wilde Nächte.

Seufzend stand sie im Flur, etwas in ihr wollte bleiben und gewann für einen Moment die Überhand. Doch in diesem Augenblick ratterte eine der Straßenbahnen am Fenster vorbei, so dass die Wände wackelten und da wusste sie wieder, weshalb sie weg wollte. Mit ungewissem Gefühl schloss sie die schon etwas abgenutzte Tür, drehte den Schlüssel bis an den Anschlag im Schloss und verweilte noch einige Sekunden. Ihr war der Schuhabtreter ins Auge gefallen. „Home sweet Home“, versprach er. Ein Versprechen, das einst gestimmt haben mochte. Ein Zuhause, einst so gemütlich wie kein anderes in der Straße, so voller Leben und Freude, herrschte dort jetzt die Einsamkeit, als hätte sich ihr Seelenzustand auf ihre Wohnung ausgeweitet. Sie war wie Unkraut, das alle Schönheit um sich herum vernichtete, bis nur noch Unkraut übrig war. Zumindest redete sie sich das ein. Vielleicht war sie auch die Blume, die zwischen Asphalt, geschwärzt von Auspuffgasen, verwelkt war, ein Schatten ihrer selbst.

In Gedanken versunken schlenderte sie den Gang entlang bis zur Treppe. Eine Kerbe in der Wand erinnerte sie an ihren Einzug, bei dem das Bett die Wand gestreift hatte, wobei der eine Sockel zur Hälfte abgerissen war. Ihre Hand fuhr die Kerbe entlang, ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Es war eine Erinnerung. Zunächst schön und dann unerträglich. So wie alles hier, an dem eine Erinnerung haftete, ihr unerträglich geworden war. Fast so, als hätten sich missmutige Kobolde darin niedergelassen, die sie immer daran erinnerten, dass was war nicht mehr ist. Endlich ließ sie ab, ballte ihre Hand zur Faust, ging die morsche Treppe hinab und trat nach draußen. Wie dunkel es geworden war. Regen prasselte nieder, legte sich wie ein Film vor die Augen und ließ alles in einem melancholischen, grauen Schleier erscheinen. Auf den Boden starrende, teilnahmslose Passanten gingen vorüber. Das Wasser verband sich mit dem Staub des Asphalts zu einem schwarzen Gemisch, das rauschend in die Gullis floss.

All das schien mechanisch zu passieren, losgelöst von ihr, als wäre sie aus der großen Maschinerie gefallen und verstünde nun nicht mehr, wie sie funktionierte. Die einzige Idee, die sie noch hatte, war wegzugehen, weit weg. Und ihre Füße würden sie schon dorthin bringen. Um nicht nass zu werden, spannte sie ihren kleinen Regenschirm auf, den sie vorhin noch schnell eingepackt hatte und lief los. Oben rauschte eine weitere Straßenbahn vorbei. Für die Passagiere boten die Fußgänger einen bizarren Anblick, sie waren lediglich rundliche Kappen, mal schwarz, mal bunt, mal weiß, die sich wie auf vorgegebenen Pfaden durch die Straßen bewegten, an denen der Regen fast unmenschlich abperlte. Sie waren froh, in diesem Moment nicht dort unten zu sein, froh, noch Menschen zu sein. So einen Schirm hätte auch ihre Seele gebraucht, an dem all das Geschehene einfach abgeprallt wäre. Für jetzt musste sie sich mit dem Schutz gegen den Regen zufriedengeben.

Immer wieder begegneten ihr Fremde, manch einer ganz verhüllt, der sich in die Etablissements mit den roten Schildern schlich, andere tänzelten trunken im Regen, baten um Geld. Sie verzerrten, verschwammen mit dem Regen und verschwanden darin. Sie hörte und sah nichts, den Blick starr nach innen gerichtet, wo noch dunklere Gestalten in noch dunklere Etablissements wandelten und noch trunkenere Menschen nach Hilfe verlangten. Was blieb ihr auch anderes übrig, sie war schutzlos. Hinter hell erleuchteten Fenster spielten Schatten ein heiles Familienleben nach, aßen, tranken und lachten. Desto länger sie lief, desto mehr dieser Schatten verschwanden in der Dunkelheit, ein Licht nach dem anderen poppte aus.

Erst jetzt trauten sich die ganz finsteren Gestalten nach draußen. Ihre Wesen waren so duster, dass man sie beinahe nicht sah und durch sie hindurch gelaufen wäre, wenn nicht ein letztes Quäntchen Menschheit ihre Atome zusammengehalten hätte. Ihre lüsternen Blicke wurden eins mit den Leuchttafeln und starrten sie von oben herab an. Sie wäre davongelaufen, wenn sie dies nicht bereits getan hätte und nicht einmal Angst konnte ihre vernarbte Seele mehr aufrütteln. Und so wurde auch sie ein Schatten. Doch nicht wie die anderen, ihre Silhouette noch immer lieblich anzusehen und wunderschön, fast perfekt. Aber mehr als das war sie schon nicht mehr. Nun sprach sie ihre Sprache, verstand ihr undeutliches Murmeln, die Worte hinter vorgehaltener Hand.

Manch einer, ein ehrlicher Kerl, hätte sie am liebsten angehalten, um zu fragen: „Hey, wie meisterst du dein Leben? Bist du glücklich und zufrieden?“ Die Worte verliefen im Wasser, verloren an Bedeutung und so streunten sie weiter. Autos, scheinbar ohne Fahrer, fuhren vorbei und spritzten Wasser auf den Gehsteig, bevor sie in den Pfützen mit einem langgezogenen Rauschen verschwanden. Etwas klopfte, ein kaputter Stromkasten sprühte Funken. „Zipp, zipp“, entstellte er die Nacht, wich einem metallischen Hämmern. Es waren ihre Herzen, der Strom von den Meilern floss durch sie hindurch. Hupen, Getöse, Gesichter am Laufband, die vorbeiliefen. Rauch einer Zigarette, der von den Regenmassen zu Boden gerungen wurde.

Aus Bahnunterführungen stiegen Höhlenmenschen aus der Hölle herauf und ahnten nicht, was es bedeutete. Der Regen fiel schräg zur Erde, die Menschen bewegten sich parallel dazu, sie kämpften gegeneinander an. Immer wieder änderte alles seine Farbe, der Regen, er fiel mal grau, mal blau und hinterließ Schwarz, wo er aufkam. An wen hatten die Menschen ihre Macht abgegeben? Und was hatte sie damit zu tun? Versteckten sie sich deshalb unter ihren Regenschirmen, um für einen kurzen Augenblick den allessehenden Augen des großen Schröpfers zu entfliehen? Spielten sie das Hütchenspiel mit ihm, wie der Trickser an der Ecke, so dass er am Ende nicht mehr wusste, unter welchem Schirm sich ein Mensch befand?

Nein, sie folgte noch ihrem eigenen Willen, während die anderen ertranken in ihrer Liederlichkeit. Es war eins nach zwei, verriet die weiße Uhr am Bahnhofsgebäude. Ein letzter Blick, sie zog die Kapuze ihres Pullovers tief ins Gesicht, warf die aufgerauchte Zigarette auf die Straße und verschwand hinter dem Bahnhof. An einem Gleis sah man sie stehen, verloren, die Uhr fixiert. Was blieb war eine Sehnsucht, die weder Heimat noch Ferne stillen konnten.  

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