Ausnüchterungszelle

A

Ich laufe durch diese sauberen Straßen auf der Suche nach Abgründen. Ich durchlaufe in den Bars alle Albtraumszenarien menschlicher Existenzen. Ein Drink mit einem jeden erspart mir hoffentlich ein ähnliches Schicksal. Wie ich voranschreite, steige ich die soziale Leiter weiter hinab. Spiel diesen Song noch mal, rufe ich der Band zu. Und dann schau ich auf von meinem Whiskey und sehe, da war nie eine Band. Durch die Hintertür entkomme ich den Blicken, die immer nur fragen und Löcher starren, zu mir selbst sagend: „Das war doch immer ein Hort der Sicherheit.“

Aber sie starren weiter, aus Autos und Fenstern, hinter vorgezogenen Vorhängen und vorgehaltenen Händen. Ich höre ihren Spott, noch lange nachdem ich in der nächsten Kneipe untertauche, wünschend, bangend, den Trick zu vollenden, nur ein einziges Mal: Die Art, nein Kunst zu verschwinden. Ich überlasse es dem Alkohol, meine Persönlichkeit aufzulösen, meine sterblichen Reste werden schon folgen.

Auf Stühlen, plattgedrückt von fremden Hintern, erbringe ich einen Toast auf jeden, der bereits dort saß, auf die Meister unserer Art. Ich lobpreise die Menschen, die übergingen ins Nirwana wie Buddha, im Unbewusstsein ihres vollen Seins. Die meisten gingen unfreiwillig, gerufen von den Sirenen, begleitet von blauen Lichtern. Und das ist schon jenseits meiner Vorstellungskraft heute Nacht.

Ich sah nie einen aus Verständnis saufen, Gründe gab es noch für kein Besäufnis und so liefert jedes Glas den Grund fürs nächste. Keiner hat mir je beigebracht zu trinken, es war in mir wie ein Instinkt. Weitergegeben durch Generationen von Höhlenbewohnern bis zu Barhockerbesetzern und aufrechterhalten durch veraltete Traditionen. Jeder Deutsche hat das Recht auf mindestens ein Bier pro Tag, wie auf seinen deutschen Pass.

Mit Recht saufe ich mich weiter durch meinen vorgefertigten Wortschatz, bis all das gesagt ist, was sonst verborgen bliebe und auch die letzte Schnapsdrossel meine Geheimnisse von den Dächern speit. Die Nacht endet in der Ausnüchterungszelle der Polizei, wo mich früh am Morgen die besorgten Eltern abholen. Und ich versuche sie zu trösten, beteuere, dass ich noch immer mit etwas Abscheu trinke und mich vor der Person fürchte, die solche Nächte ans Tageslicht fördern.

Aber tief im Innern sitzt die Gier, die wartet und heimlich agiert, bis das Bier nicht mehr schmeckt, sondern sensationslos die Kehle hinunterfließt. In diesem Moment endlich hört es auf, das Sein, und Bewegung wird mechanisch, abgeklärt, den Treibstoff dazu gibt es aus Halbe-Liter-Flaschen.

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