10 Euro gehen auf Reise

Lisa lebt mit ihren vier jüngeren Geschwistern und ihren Eltern in einer 3-Zimmer-Wohnung am Rande der Stadt. Hin und wieder bekommt sie als Älteste von ihrem Vater zehn Euro, um am Samstag Frühstücksbrötchen im Supermarkt um die Ecke zu kaufen. Als Belohnung darf sie das Wechselgeld behalten. Im Laden kauft sie so viele Brötchen, dass von den zehn Euro noch genau fünf übrigbleiben. Die will sie später in der Stadt mit ihrem Kumpel Maxi für Süßigkeiten ausgeben."

Nach dem Frühstück macht sie sich auf den Weg zur Bushaltestelle, wo sie bereits von Maxi erwartet wird. Die zwei fahren mit ihren Schülerfahrkarten umsonst in die Stadt und malen sich aus, wie viele Süßigkeiten sie für fünf Euro bekommen würden. Am Busbahnhof bemerken sie beim Aussteigen einen alten Mann mit einer vollgepackten Einkaufstasche, der vorne in den Bus einsteigen will. Er hat Mühe, die schwere Tasche anzuheben. Ohne zu Zögern eilen sie ihm zur Hilfe. Der alte Mann freut sich sehr über die Unterstützung und steigt hinter den Kindern in den Bus ein.

Dort wird er vom Busfahrer aufgefordert, ein Ticket zu kaufen. Der Mann durchwühlt seinen Geldbeutel und stellt traurig fest, dass er kein Geld mehr hat. Er ist Rentner und am Ende des Monats bleiben ihm oft nicht mal 2,20 € für ein Busticket. Lisa beobachtet die Situation und bekommt Mitleid. Also fasst sie sich ein Herz und sagt zu ihm: „Sie können meine 5 € haben. Ich brauche sie eigentlich gar nicht.“ Der Mann schaut sie verwundert an und will ablehnen. Doch Lisa besteht darauf und sagt: „Ich würde das Geld sowieso nur für Süßigkeiten ausgeben, die mir nicht guttun.“ Dann drückt sie ihm den 5-Euro-Schein in die Hand und trägt mit Maxi die Tasche zum nächsten freien Platz. Von dort aus winken sie dem alten Mann zu und rennen aus dem Bus. Die zwei sind so schnell verschwunden, dass der alte Mann ihnen nicht mal das Wechselgeld von 2,80 € geben kann.

Gerührt von der Hilfsbereitschaft der beiden Kinder setzt er sich auf seinen Platz und fährt bis nach Hause. Er ist froh, dass er die schwere Tasche mit dem gespendeten Essen von der Tafel nicht den ganzen Weg tragen muss. An seiner Bushaltestelle angekommen, macht er noch einen Abstecher in den Discounter von gegenüber. Die 2,80 € will er für Schokolade ausgeben. Ein Luxus, den er sich nur selten leisten kann. An der Kasse hat sich eine kleine Schlange gebildet. Eine junge Frau, die offensichtlich eine Studentin aus den naheliegenden Wohnheimen ist, kann ihren Einkauf nicht bezahlen, weil ihr genau 1 € fehlt. Einige andere Kunden schimpfen schon, während die Studentin der Kassiererin zu erklären versucht, dass sie bestimmt noch irgendwo einen Euro hat.

Der alte Mann überlegt nicht lange, legt die Schokolade in die Auslage und marschiert an den anderen Kunden in der Schlange vorbei nach vorn. Dort legt er die 2,80 € auf die Kasse und sagt: „Sie brauchen das mehr als ich.“ Die Studentin staunt nicht schlecht und bedankt sich sehr herzlich bei ihm. Ihr war zum Ende des Monats das Geld ausgegangen, weil sie ihr BAföG nicht erhalten hat. Sie gibt der Kassiererin den fehlenden Euro, packt die Lebensmittel in ihren Rucksack und versucht noch, den Mann einzuholen. Doch er ist nirgends zu sehen. Mit den verbliebenen 1,80 € will sie daher eine Ladung Wäsche im Wohnheim waschen. Pro Waschgang zahlt man dort 1 €. Und die 80 Cent würde sie ins Sparschwein werfen.

Kurz vor dem Wohnheim begegnet ihr der Bettler, der in den letzten Tagen oft an der Bushaltestelle am Discounter, von dem sie gerade kam, gesessen hatte. Sie spürt die Münzen in ihrer Tasche und bekommt eine Idee. Sie geht auf ihn zu und reicht ihm das Geld mit der Bitte, sich etwas zu essen davon zu kaufen. Der Bettler lächelt und verspricht es ihr. Sofort macht er sich auf den Weg zum Bäcker im Discounter und kauft dort für 1,80 € Brötchen. Die würden ihm den ganzen Tag reichen. Als er die 20 Cent Rückgeld von der Verkäuferin erhält, dreht er sie kurz in der Hand und wirft sie dann in die Spendensammelkasse für mittellose Kinder auf der Theke. Dort endet die Reise des Zehn-Euro-Scheins.


 

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Von Lukas Böhl

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