Zwei Männer

Die Geschichte ist dank Valentino Nestola jetzt auch zum Anhören verfügbar.

Ein geschäftiger Freitag neigte sich dem Ende zu. Schon hatte sich das allgemeine Geschehen von der Straße in die Bars und Kneipen der Stadt verlagert. Hier traf man sich auf ein Feierabendbier, dort feierte man einen Jungensellenabschied und manch einer wollte nur vergessen. Langsam passte sich die Sonne dem gedimmten, rauchgeschwängerten Licht der Spelunken an, sank immer tiefer, bis sie hinter den waldigen Hügeln verschwand und die Menschen wieder sich selbst überließ. Sollten die kleinen Deckenlampen, unter denen sich bereits dicke Rauchgeschwader bildeten, ihnen reichen."

Denn was sich jetzt abspielte, das war nicht für den Tag gedacht. Dies war nicht das normale Leben, hier kam man her, um eben nicht der gestresste Fließbandarbeiter, dreifache Familienvater oder völlig übermüdete Polizist zu sein. Hier war man unter Gleichgesinnten, mit denen man noch vor ein paar Stunden nicht einen Blick gewechselt hätte. Es war nicht viel los in der Bahnhofskneipe, von deren Fenster aus man den Bahnhof fest im Blick hatte, wo die letzten Zurückgebliebenen der Tristesse der Kleinstadt zu entkommen versuchten.

Irgendwann leerten sich auch die Bahnsteige und es wurde dunkel. An der gewölbten Theke saßen zwei Männer. Einer von ihnen hatte ein halbvolles Bierglas vor sich stehen und stierte melancholisch auf eine Tageszeitung, die vor ihm ausgebreitet lag. Der andere saß ihm gegenüber, rauchte eine Zigarette nach der anderen und hielt dabei stets sein halbleeres Bierglas fest umklammert, aus dem er nach jedem Zug einen Schluck nahm. Die beiden kannten sich nicht und hatten, abgesehen von der Tatsache, dass sie das Schicksal an diesem gottverlassenen Ort zusammengebracht hatte, nichts gemein.

Der Raucher war ein verlotterter, schmutziger Kerl mit Arbeitsklamotten und grimmigem Gesichtsausdruck. Der andere dagegen war sehr adrett gekleidet, so gar nicht kneipenmäßig, fügte sich aber durch seinen melancholischen Gesichtsausdruck und die nach vorn gebeugte Haltung perfekt in die Atmosphäre ein. Hin und wieder lief der junge Wirt, der Sohn des Chefs, in seiner Anzugweste an den beiden vorbei und erkundigte sich, ob alles in Ordnung war.

Das war es, beim ersten wie beim dritten Mal und auch beim nächsten Mal würde es so sein, sofern nur das Bier immer nachgefüllt würde. An den Tischen in der dem Bahnhof zugewandten Ecke kamen und gingen vereinzelte Grüppchen und Stammgäste, nur die beiden Männer an der Theke blieben sitzen. Unfassbar, dass zwischen ihnen keine Kommunikation stattfand.

Nach einer Weile, es war schon nach elf, da ging der Raucher aufs Klo und kam mit einer frischen Schachtel Zigaretten zurück. Als er sich setzte, da blickte der andere auf und warf ihm einen merkwürdigen Blick zu. Wollte er Konversation machen oder ihm mitteilen, dass ihn die Raucherei störte? Selbst schuld, wenn er sich ins Raucherabteil setzt. Der erwiderte seinen Blick mit starrem Gesichtsausdruck, riss die Folie von der Schachtel, zog langsam eine Zigarette heraus und steckte sie sich an. Immer noch war sein Blick auf den ihm gegenübersitzenden Mann gerichtet, der nun wieder auf die Zeitung starrte.

„Und was gibt’s Neues auf der Welt?“ fragte er schließlich.

„Krieg, Mord, Flüchtlinge…der übliche Wahnsinn halt“, antwortete der andere.

„Heuchler und Hetzer sind das!“

„Mag sein, aber die Bilder sprechen für sich.“

„Ach ja, was juckt mich das? Soll ich um jedes Kind, das auf der Welt stirbt, trauern. Dann wäre ich ein genauso depressiver Klotz wie du, mein Freund! Wer so arbeitet wie ich, der will abends seine Ruhe und ein kühles Bier genießen. Der muss nicht noch Gutmensch spielen!“

„Ja, ja…“

„Und? Was ist mit dir? Hockst hier rum als wär dir die Alte davongelaufen!“

„Hab keine und hatte auch nie eine…“

„Gut so, eine Sorge weniger auf der Welt.“

„Wie man’s nimmt.“

„Stell dich nicht so an, bist doch kein kleiner Junge. Zum Ficken reicht’s im Puff!“, sagte der Raucher mit lauter, betrunkener Stimme und lachte dreckig.

Der andere Mann beugte sich noch weiter über den Tisch, wodurch er noch kleiner wurde als vorhin und beinahe unter der Theke verschwand. Obwohl niemand die unpassende Äußerung mitbekommen hatte und sich auch sonst keiner dafür interessiert hätte, war es ihm unangenehm, mit diesem Menschen in Verbindung gebracht zu werden. Doch er war zu phlegmatisch, um aufzustehen, weshalb er ihm weiter zuhörte.

„Stimmt doch, oder was? Jeder Ehemann, der zuhause nicht mehr ran darf, entbehrt gerne mal ’nen Fuffi. Ist doch nichts dabei. Und du musst dich nicht mal rechtfertigen! Man, dir muss es gut gehen, was ein Leben. Oder haste keinen Job? Warum so ne Fresse?“

„Doch, doch, ich habe Arbeit. Kann nicht klagen.“

„Aha, siehst mal und trotzdem nicht zufrieden. So, wie du aussiehst, hast du in deinem Leben noch nie körperlich gearbeitet. Hast ja ganz saubere Finger. Hier, schau dir das an!“, sagte er und deutete auf seine geschwärzten Finger, „immer hart gearbeitet. Bestimmt fährste das doppelte, nein, dreifache Gehalt von mir ein. Sitzt bestimmt irgendwo hinterm Computer und machst dicke Kohle. Oh, was würd ich geben, wenn ich son Job hätte. Aber das ist nichts für Kerle wie mich.. Darauf trinke ich, Prost!“

„Prost!“

„Aber in so nem Job würd’s mir langweilig werden. Ich muss mich bewegen, verstehst du? Was machen, meinen Körper spüren, wenn ich arbeite. Sonst ist’s ja keine Arbeit. Genau, man sollte das, was ihr macht, Beschäftigung nennen und nicht Arbeit. Und die Gehälter sollte man tauschen. Genau so ist das! Prost!“

„Prost!“

„Ach, jetzt weiß ich! Bist wohl n’ geneigter Thekengänger, was? Keine Sorge, Mann, das sind wir doch alle. Hier, mein achtes Bier und ich sitz immer noch gerade. Und du hast ja auch schon ganz schön gebechert. Kannst stolz drauf sein. Was deine Hände nicht schaffen, macht deine Leber wieder wett. Bist also doch n’ Kerl, was? Ja, ja, man darf nicht voreingenommen sein. Sonst könnt ich meinen Job nicht machen. Russen, Albaner, Türken, da darfst du keinen Unterschied machen, sonst landeste in der Klapse.“

„Ich habe kein Alkoholproblem. Ich trinke nur manchmal gerne einen über den Durst.“

Der Raucher lachte: „Den Durst hab ich schon lange nicht mehr.“ „Das hier“, sagte er, indem er auf sein Bier zeigte, „das ist mein Brot. Ohne das würd ich nicht hier sitzen. Komisch, was? Das ist der Teufelskreis, der sich Leben schimpft. Man muss weiter trinken, sonst kommen die bösen Gedanken, verstehst du? Immer das Auto volltanken, sonst läufts nicht mehr. Und dann fragst du dich, warum du ein Auto hast? Verstehst du? So ein Schwachsinn, ich bin doch kein Philosoph. Pass auf, ich geb dir einen aus, dann gehen die Gedanken weg!“

„Danke!“

Der Wirt brachte zwei Gläser mit grünlichem Schnaps darin, die auffällig scharf rochen.

„Was ist das?“, wollte der andere wissen.

„Absinth!“

„Bah!“

„Prost!“

„Prost!“

Beide verzogen das Gesicht beim Abgang des bitteren Wermuts.

„Weißt du, warum die das Absinth nennen?“, fragte der Raucher, steckte sich eine weitere Zigarette an und bot seinem Gegenüber mit einem Zucken seiner Augenbrauen auch eine an. Dieser lehnte dankend ab und erkundigte sich, weshalb es Absinth hieß.

„Na, ab sind die Sorgen!“, raunte er in besonders tiefer Stimmte, machte eine wegwerfende Handbewegung und lachte herzlich über seinen eigenen Scherz. So herzlich, dass der andere mit einstimmte. Es war mehr der Moment, der beide zum Lachen gebracht hatte, als der eigentliche Scherz. Sie lachten und schwiegen dann eine Weile in stiller Übereinkunft. Schließlich nahm der Raucher die Konversation wieder auf. Der andere entspannte ein wenig.

„Humor muss man haben, den kann man nicht kaufen. Auch der reiche Mann lacht über den Witz des kleinen Mannes…oder über seine Armut. Aber Humor musst du haben, sonst wirste verrückt bei all dem Scheiß, der auf der Welt passiert. Ich kannte mal einen, der war depressiv. Ist von der Brücke gesprungen, einfach so. Hat drei Kinder und ne Frau hinterlassen. Ne verdammte Scheiße ist das.“ „Ich bin gesund“, sagte er und tippte sich an den Kopf, als wolle er damit seine Aussage untermauern. „Was ist mit dir, alles am rechten Platz da oben?“

„Ich denke schon. Mal abgesehen von dem gelegentlichen Schwermut durch den Wermut.“

„Ha, siehst mal! Son Witz hat noch keinem geschadet. Aber so ne Katerstimmung – mit der ist nicht zu spaßen. Ich kannte mal einen, der hat immer um sich gehauen, wenn er besoffen war. Dann haben sie ihn eingebuchtet. Tja, und jetzt ist er gläubiger als der Herr Jesus selbst. Glaubst du das? Wahre Geschichte. Da brauchst kein Buch zu lesen, musst nur mit den Leuten reden, da bekommst genug Unterhaltung.“

„Manchmal mehr, als man eigentlich möchte.“

„Hä? Bist du etwa einer von diesen Seelendoktoren? Siehst gar nicht so aus. Wobei, ein bisschen vielleicht.“

Der andere kam endlich aus seiner gebeugten Haltung hervor, um sich zu strecken. Dabei knackste sein Rücken so laut, dass der Raucher angewidert das Gesicht verzog. Als er sich streckte, fiel etwas mehr Licht auf sein Gesicht wie zuvor, weshalb der Raucher ihn endlich erkannte.

„Wart mal, ich kenn dich doch! Du bist öfters hier. Erst neulich mit so nem piekfeinen Kerl im Anzug und Haaren als wär er ins Ölfass gefallen…“

Der andere unterbrach ihn, bevor er zu Ende reden konnte.

„Arbeitet an der Börse. Hochgradig depressiv.“

Der Raucher nickte, aber ging nicht weiter darauf ein, sondern wühlte weiter in seinem Gedächtnis. Da fiel ihm plötzlich etwas ein und er sagte: „Genau, und dann mal mit so zwei schäbigen Kerlen. Der eine sah aus, als hättest ihn auf der Straße eingesammelt.“

„Beide massive Drogenprobleme.“

„Hmh“, nickte der Raucher und überlegte weiter, wann er ihn noch gesehen haben könnte. „Genau, dieses eine Mal, da warst du mit so nem Pärchen hier. Genau, da saß ich hier an der Theke und ihr habt dort hinten was getrunken. Da im Eck, wo jetzt die Jungs sitzen. Mann, die haben sich die ganze Zeit gezofft.“

„Genau. Mittlerweile geschieden, schwerer Rosenkrieg.“

„Ja, ja, so ist das. Und einmal, da war son Kerlchen wie du einer bist dabei, der hatte einen Dreitagebart, wohl eher fünf Tage. Man, was hat der traurig dreingeschaut.“

„Quasi arbeitslos.“

„Scheiße ist das. Und was ist denn nun dein Problem? Wir haben die ganze Zeit von anderen geredet.“

„Du hast es erfasst!“

„Was denn?“

„Ich höre immer allen zu.“

„Dann musst du mehr reden“, erwiderte der Raucher kühl und noch bevor der andere etwas erwidern konnte, fiel ihm dieser ins Wort: „Apropos, da fällt mir ne lustige Geschichte zu ein!“

Der Andere seufzte, verfiel wieder in seine nach vorn gebeugte, ungesunde Schräglage und ließ die Worte wie eine Welle über sich einbrechen, während er durch sein halbleeres Bierglas den Raucher ansah.

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Von Lukas Böhl

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