Das Ende einer Fliege

D

Es war früh am Sonntagmorgen, der alte Kuhn saß über seiner Tageszeitung und wunderte sich über das Wetter der nächsten Tage. Mit aller Zeit der Welt schlürfte er seinen Kaffee und ließ seinen Blick immer wieder über die Terrasse auf seinen kleinen Garten schweifen, der in einem saftigen Grün mit lilafarbenen, gelben und orangen Akzenten in voller Pracht blühte. Er war sehr mit sich und seiner Gartenarbeit zufrieden, nur die für Ende April ungewöhnlich warmen Temperaturen störten ihn. Die Hitze vertrug er in seinem Alter sowieso nicht mehr, und wenn sie dann noch so früh anfing, würde es ein langer, harter Sommer werden.

In solchen Momenten dachte er immer an seine Hannelore, die vor über 4 Jahren gestorben war. Sie hatte es auch an den wärmsten Sommertagen, mit 35 Grad und mehr, geschafft, das Haus kühl zu halten. Er seufzte, über die Erinnerung und in Enttäuschung über sich selbst. Das Alter hatte ihn förmlich an dieses Haus gebunden. Selbst der Weg zum Bäcker, der nur einige hundert Meter die Straße hinunter lag, glich einer Alpenüberquerung. Wenn nur seine Beine wieder so kräftig wie früher wären, er würde um die ganze Welt gehen, alles nachholen, was er sich einst in seinen jungen oder alten Kopf gesetzt hatte und das Leben so richtig genießen.

Jetzt musste er vom Leben in seiner dem Tod geweihten Tageszeitung lesen, die wahrscheinlich bald vom Verleger eingestellt würde, weil er zu den wenigen, übriggebliebenen Stammeslesern gehörte. Aber mit dieser neumodischen Technik, Internet und all das, wollte er nichts zu tun haben. Dann lieber die Tagesschau. Vielleicht war es der Kaffee oder ein plötzlicher Anfall von Fieber, aber ihm war auf einmal so heiß geworden. Er schob den Stuhl nach hinten, stemmte die Hände auf die Tischkante und stand vorsichtig auf. Dann lief er die paar Schritte zur Terrassentür und öffnete sie, um etwas frische Luft reinzulassen.

Doch statt der erhofften Abkühlung war ihm, als hätte er die Tür zu einer Dampfgrotte geöffnet. Die warme, stickige Luft war so dick, dass sie klötzchenweise in die Küche fiel. Nicht einmal der leichte Regenschauer heute Nacht hatte für Abkühlung gesorgt. Er dachte, ein Durchzug würde es vielleicht besser machen, lief ins Wohnzimmer, öffnete dort beide Fenster und kehrte wieder in die Küche zurück. Tatsächlich war es nun ein bisschen erträglicher, aber er wollte sich gar nicht ausmalen, wie es heute Abend erst werden würde und wie er einschlafen sollte.

Sich die ersten Schweißtropfen mit seinem Taschentuch von der Stirn wischend, setzte er sich wieder an seinen Frühstückstisch und widmete sich der Lektüre eines Artikels, den er vorhin schon hatte beginnen wollen. Es ging um den US-Präsidenten Donald Trump, der wieder irgendetwas getan oder gesagt hatte. „Idiot“, schimpfte er innerlich in Ermangelung eines Zuhörers. Was ihn fast noch mehr aufregte, als dieser Trump, war die Tatsache, dass die deutschen ein übersteigertes Interesse für alles entwickelt hatten, was aus den USA kam: Essen, Filme, Musik, Technik.

Mit großem Stolz dachte er an seinen bar gezahlten Mercedes, der frisch poliert und gewachst in der Garage stand. „Das machen sie uns nicht nach“, grummelte er mit patriotischem Ehrgefühl. Dann las er weiter, als plötzlich die Tinte zu verlaufen schien. Ein schwarzer Fleck hatte sich mitten in der Zeile gebildet. Er nahm seine Lesebrille ab, um zu prüfen, ob sie sauber war. Dann rieb er sich die Augen mit dem Taschentuch, hob die Brille eine Handbreite von seiner Nase entfernt vor die Augen, schaute nochmal hindurch und setzte sie wieder auf. Der Fleck war immer noch dort, an seinen Augen hatte es nicht gelegen.

Jetzt bewegte er sich sogar! Ungläubig bewegte er seinen Finger in Richtung des Flecks, als dieser schlagartig die Flucht ergriff, wegflog und sich woanders niederließ. „Sowas!“, schimpfte Kuhn, dem jetzt klar wurde, was der Fleck in Wirklichkeit war. Wenn er eines auf der Welt hasste, dann waren es Fliegen. Seine alten Augen mochten nicht mehr die besten sein, aber seine Hände konnten noch flink sein, wenn er wollte. Er verfolgte die Fliege, die sich in ruckartigen Bewegungen über die Zeitung bewegte, bis sie anhielt, um sich zu putzen. Vorsichtig hob er die flache Hand, bis sie direkt über der Fliege war, wartete kurz und ließ sie mit voller Wucht auf den Tisch niedergehen. „Ha!“, rief er in eiliger Vorfreude aus, rollte die Hand nach rechts auf, um sein Opfer in Augenschein zu nehmen. „Du Mistfliege!“, rief er wutentbrannt aus, als er merkte, dass dort kein zerquetschter Fliegenbrei auf dem Kopf von Donald Trump war.

Für einen Moment überlegte er, wie es wäre, den US-Präsidenten tatsächlich zu ohrfeigen. Dann erinnerte er sich wieder an den Feind in seinem Haus und suchte in hastigen Kopfbewegungen erst den Tisch, dann den Raum ab. Als er nichts entdeckte, glaubte er, die Fliege nach draußen gescheucht zu haben. Da die offene Tür den Innenraum sowieso nur noch mehr aufhitzte, beschloss er, sie wieder zu schließen. Wieder mühsam vom Tisch erheben und zur Tür laufen. Auch die Fenster im Wohnzimmer mussten wieder geschlossen werden, um nicht noch mehr Fliegen ins Haus zu lassen. Erst gestern war sein Sohn hier gewesen und hatte alles mit zwei Flügeln verscheuchen oder erschlagen müssen. Diese Viecher trieben ihn noch mal in den Wahnsinn.

Nachdem alle Fenster geschlossen waren, räumte er sein Geschirr in die Spülmaschine, nahm die Zeitung vom Tisch, ging ins Wohnzimmer und setzte sich auf seinen Lesesessel am Fenster. Hier wollte er in aller Ruhe seinen Artikel zu Ende lesen. Bei jeder Bemerkung des Verfassers, die ihm missfiel, drückte er seine Verstimmung durch ein Räuspern, ein Grummeln oder ein Zerren an den Zeitungsseiten aus. Der Artikel war sehr lang und manches musste er zweimal lesen, um sicherzugehen, dass er alles richtig verstanden hatte. Manchmal traute er seinen Augen und seinem Verstand nicht mehr, insbesondere, wenn die beiden zusammenarbeiten mussten wie jetzt.

Als er gerade einen Satz zum zweiten Mal durchlas, hörte er sein verdächtiges Surren, das sich nervös durch den Raum bewegte. Sofort ließ er die Zeitung sinken und suchte den Raum ab. Erst war es irgendwo am Fernseher, dann an der Vitrine mit dem guten Geschirr, vorbei an den Familienbildern über der Kommode und dann war es still. Gespannt suchten seine Augen jeden Quadratzentimeter des Raumes ab. Am liebsten wäre er mit einem Flammenwerfer einmal durch das ganze Wohnzimmer gestürmt, um dieses Scheißvieh ein für allemal in die Hölle zu schicken.

Er faltete die Zeitung zusammen und warf sie auf den Beistelltisch neben seinem Sessel. Der Luftzug der fallenden Zeitung scheuchte die Fliege wiederum auf, die dort irgendwo gesessen haben musste. Dieses Mal erfasste sein wacher Geist die Bewegung gleich und folgte ihr durch die Luft. Die Fliege schien eine Art Acht zu fliegen, machte kehrt und setzte sich direkt auf die Lehne seines Sessels. „Dieses Mal entkommst du mir nicht“, sagte er zu sich selbst, aber an die Fliege gerichtet. Mit der rechten Hand fuhr er langsam auf der anderen Seite des Sessel nach unten, wo in einem Zeitungsständer eine Fliegenklatsche mit Stromnetz steckte, die ihm sein Sohn auf den Wunsch hin, das brutalste Mordwerkzeug für fliegendes Ungetier zu besorgen, gekauft hatte.

Er ließ die Fliege nicht aus den Augen. Hätte ihn in diesem Moment jemand beobachtet, so hätte er vorsorglich die Polizei rufen müssen, so viel mörderische Lust zeigte sich in seinem ganzen Gesichtsausdruck. Sein rechter Mundwinkel zog sich nach oben und formte ein merkwürdiges Lächeln, während sein linkes Auge leicht zuckte. Woher dieser Hass für Fliegen rührte, das konnte er sich selbst nicht beantworten. Er erinnerte sich nur an einen Vorfall aus seiner frühesten Kindheit, die von Armut und Hunger geprägt war, in der ihm eine Fliege seinen Geburtstag versaut hatte.

Seine Eltern waren zu dieser Zeit so arm gewesen, dass sein Geburtstagskuchen ein Küchlein, das nicht einmal an die Größe eines Muffins heranreichen konnte, mit einer einzigen Kerze, die sein Vater aus Wachsresten aus dem Dorf zusammengegossen hatte, bestanden hat. Er war so glücklich über dieses kleine, zuckerige Etwas, dass er es durchs ganze Dorf trug, um es all seinen Freunden zu zeigen. Irgendwann saß er mit seinem besten Kumpel Karlheinz am Pferdestall dessen Vater und wollte sich das Küchlein mit ihm teilen, als eine Fliege, die einen Moment zuvor auf einem Pferdeapfel, der direkt vor ihnen lag, gesessen hatte, direkt darauf landete.

Aus einem dummen Reflex heraus, der dazu dienen sollte, die Fliege abzuschütteln, hatte er losgelassen und sein Geburtstagskuchen war direkt in dem Haufen Pferdeäpfel gelandet, von dem die Fliege aufgeflogen war. Dieser Moment hatte sich in seinen Kopf gebrannt, und selbst heute, über 70 Jahre später, kamen ihm noch die Tränen, wenn er daran dachte. Der Hass, den diese Erinnerung in ihm hochkochen ließ, verlieh ihm neue Kraft. Das Aufstehen vom Sessel fiel ihm plötzlich so leicht wie vor 20 oder 30 Jahren. Mit der Elektrofliegenklatsche bewaffnet, lief er durch das Zimmer und verfolgte die Fliege.

Sie landete auf dem Couchtisch, kurz darauf krachte sein ganzer Zorn auf sie nieder. Sie entwischte, setzte sich auf das Sofa. Ein brachialer Schlag sollte sie töten. Wieder entkam sie, flog auf die Rücklehne seines Sessels. Die zwei letzten Schläge hatten sein Herz so auf Touren gebracht, dass er erstmal gut durchschnaufen musste und seine Brust mit der freien Hand hielt. „Ich werde dich umbringen und wenn es das Letzte ist, was ich tue!“, sagte er zu der Fliege, die unbeeindruckt auf seinem geliebten Lesesessel herumkrabbelte. „Hiaah“, entfuhr es ihm, als er glaubte, sein Herz würde aufhören zu schlagen. Ihm war so, als hätte es einen Schlag ausgesetzt.

Er ließ sich auf das Sofa fallen und hob sich die Brust. Jetzt kam zu der Anstrengung noch das Adrenalin hinzu, die Angst, tot umzufallen. Er schnaufte, hielt seine Brust an der Stelle, unter der sein Herz schlug, sah zum Sessel herüber und verfluchte die Fliege. Die sprang wie zur Antwort kurz auf, flog im Kreis und setzte sich wieder hin. Die Dreistigkeit ließ ihn für einen Moment auflachen, die ganze Situation war so absurd, dass er kurz vergaß, weshalb er sich so aufregte. Dann fiel es ihm wieder ein und er nahm ein Kissen in die Hand, visierte die Rückenlehne an und warf es auf die Fliege.

Natürlich war diese schon längst wieder weg, als das Kissen an der Kante abprallte und auf die Sitzfläche taumelte. Er sah ihr nach, wie sie eine Runde durch das Wohnzimmer drehte und dann in Richtung Küche verschwand. Jetzt aufzustehen und ihr nachzulaufen, wäre sein sicherer Tod gewesen. Er musste sich erst etwas ausruhen. Er drehte die Hüfte auf der Couch, hob mit einer geschickten Bewegung die Beine nach oben und legte sich der Länge nach hin. Das war zu viel für einen alten Kerl wie ihn.

Es dauerte keine fünf Minuten, bis er weggenickt war. In seinem Traum sah er eine riesige Fliege die ihn durch ein gigantisches Wohnzimmer jagte. Er drehte und wandte sich, schüttelte den Kopf, „das kann nicht wahr sein!“, rief er und war plötzlich wach, die Augen auf die Holzdielen seines Wohnzimmers gerichtet. Er sah zu der Uhr über dem Fernseher, es war kurz nach halb Zehn. Hatte er von der Fliege geträumt oder die Fliege von ihm? Er rollte sich zur Seite, rutsche ganz an die Kante des Sofas, drehte sich über die Hüfte in eine sitzende Position und sah sich um.

Seine Fliegenklatsche lag auf dem Boden. Das Kissen, das er vorhin auf die Fliege geworfen hatte, verharrte in einer unnatürlichen Position in seinem Lesesessel. Die Zeitung wartete darauf, dass er weiterlesen würde. Aber er hatte noch etwas zu erledigen. Er wäre kein Mann, wenn er nicht zu Ende brachte, was er angefangen hat. Die Fliege musste sterben, daran gab es keinen Zweifel mehr. Er würde kein Fenster öffnen, bevor nicht die Fliege zappelnd und zuckend ihren letzten, jämmerlichen Moment im elektrisierten Netz seiner Fliegenklatsche verlebt hatte. Und wenn er heute sterben sollte, die Fliege würde er mitnehmen.

Sie stand symbolisch für alle Fliegen, die tagtäglich auf der ganzen Welt einen Menschen tyrannisierten, sie war die teuflische Reinkarnation der Fliege, die ihm damals seinen Geburtstag ruiniert hatte. Mit frischer, aus Zorn erwachsener Kraft raffte er sich auf, hob den Schläger vom Boden auf und marschierte in die Küche. Es war trügerisch still. Keine Spur von der Fliege. Mitten in der Küche hielt er inne, spitzte die Ohren und sah sich um. Sie konnte überall sein oder nirgends. Vielleicht hatte sie längst ein undichtes Schlupfloch gefunden und war in die Freiheit entwischt. Mit penibler Kleinlichkeit prüfte er alle Fenster, alle Türen im Haus, ob nicht irgendwo ein Spalt war, durch den sie hätte entkommen können.

Nachdem er sich versichert hatte, dass das Haus hermetisch abgeriegelt war, kehrte er in sein Basislager im Wohnzimmer zurück und plante die nächsten Schritte. Er nahm ein Blatt Papier, einen Bleistift und setzte sich auf die Couch, schob den Beistelltisch zu sich und fing an, eine Skizze des Hauses zu zeichnen. Was er tun musste, war die Fliege in einem kleinen, übersichtlichen Raum mit sich einzusperren, wo sie nirgends in Sicherheit vor ihm war.

Die Küche war zu unübersichtlich und die Gefahr, etwas kaputt zu machen, zu groß. Er strich sie weg. Das Wohnzimmer hielt zu viele Stolperfallen bereit, er wollte kein Risiko eingehen. Mit einem großen X strich er es aus. Blieben noch das Schlafzimmer, sein altes Arbeitszimmer, das Bad, der Flur und die Gästetoilette. Sein Arbeitszimmer strich er sofort weg, diese Ehre hatte die Fliege nicht verdient. Im Schlafzimmer brauchte sie nur auf den Kleiderschrank zu fliegen und er würde nicht mehr an sie herankommen. Also ebenso keine Option. Im Bad war die Gefahr, zu stürzen, ebenfalls zu groß. Weg. Die Vollstreckung der Todesstrafe musste also entweder im Flur oder der Gästetoilette vollzogen werden.

Nach kurzem Abwägen, beschloss er, der Flur sei zu lang, strich ihn weg und machte einen Hacken auf der Gästetoilette. Nun musste er die Fliege nur noch dort hinlocken. Womit lockt man eine Fliege an? Die Antwort lag auf der Hand. Er brauchte nur an jenen verhängnisvollen Tag aus seiner Kindheit zu denken. Dabei kam ihm nicht der Kuchen in den Sinn, sondern die Pferdeäpfel. „Hannelore – Gott hab sie selig – das hättest du mir nie durchgehen lassen!“ Wie oft hatte sie ihn ermahnt, die Tür zu schließen, wenn er auf der Toilette saß. Heute nicht. Er ging auf die Gästetoilette, ließ die Tür mit Absicht offen und verrichtete in vollster Zufriedenheit sein Geschäft.

Nachdem er kurz mit sich gerungen hatte, ob er spülen sollte oder nicht, entschied er sich dafür, dass der Geruch reichen würde, spülte, wusch sich die Hände und machte sich auf den Weg in die Küche. Dort holte er ein Einmachglas, das noch einen Deckel hatte, öffnete den Kühlschrank, brach ein Stückchen von dem Kuchen ab, den er für heute Mittag gekauft hatte, legte es hinein und ging zurück zur Gästetoilette. Dort stellte er das Glas auf den Fenstersims und steckte den Deckel in seine Tasche.

Im Wohnzimmer bewaffnete er sich dann mit seiner Fliegenklatsche und ergänzte in der anderen Hand sein Taschentuch, mit dem er nach der Fliege schlagen wollte, sollte sie sich an die Decke setzen. Nun ging er systematisch, Raum für Raum, sein ebenerdiges Haus ab, das er und Hannelore in weiser Voraussicht auf das Alter vor zwanzig Jahren gekauft hatten. Er schob die Fliegenklatsche in jede Rille und schlug mit dem Taschentuch auf jeden Schrank, der zu hoch war, um ihn einzusehen, um sie hervorzulocken. War er sich ganz sicher, dass die Fliege nicht in einem Raum war, verschloss er ihn hinter sich. Zum Glück war das Haus einer dieser verschachtelten Altbauten, in denen man noch jedes Zimmer durch eine Tür verschließen konnte.

Das Wohnzimmer war fliegenfrei, ebenso die Küche. Das Bad war schnell abgesucht und ebenso fliegenfrei wie die anderen beiden Räume. Jetzt vermutete er die Fliege in seinem Arbeitszimmer, was ihn besonders wütend machte. Er stellte sich vor, wie sie auf seinen Büchern herumkrabbelte mit ihren widerlichen, kotverschmierten Füßen. Leider gab es dort in den Bücherregalen zwischen den Büchern viele Verstecke für ein winzige Fliege, von denen er keines ausließ. Bestimmt eine halbe Stunde verbrachte er damit, das Zimmer abzusuchen. Erst dann war er sich sicher, dass sie nicht hier war.

Erleichtert und etwas demotiviert ging er weiter ins Schlafzimmer. Wenn sie dort nicht war, wusste er nicht mehr weiter. Er sah unterm Bett nach, nahm einen Stuhl und spähte sogar auf dem Kleiderschrank nach ihr. Dann zog er die Gardinen auf, schüttelte die Bettwäsche durch und öffnete jede Schublade der Anrichte. Nirgends auch nur die leiseste Spur von einem ungewollten Mitbewohner. Sie war nicht hier und er verschloss auch dieses Zimmer. Jetzt stand er im Flur, dem einzigen Ort, am dem sie noch sein konnte, wenn sie ihn nicht durch eine clevere List getäuscht hatte.

Einen Augenblick lang zweifelte er an seiner mentalen Gesundheit und fürchtete Alzheimer zu bekommen. Vielleicht war nie eine Fliege in seinem Haus gewesen. Etwas durcheinander stand er im da, den Kopf schüttelnd und schimpfte mit sich selbst. Da nahm er im Augenwinkel plötzlich eine Bewegung an der Decke war. Etwas war gerade von der Deckenlampe aufgeflogen und auf der Heizung gelandet. „Ha! Wer ist hier verrückt!“, schrie er und rannte, sein Taschentuch durch die Luft schwingend, los. Die Fliege ergriff sogleich die Flucht nach vorn, die sie nicht weiter führen konnte als zur Gästetoilette, die am anderen Ende des Flurs lag. Als er sah, in welche Richtung sie flog, beglückwünschte er sich innerlich bereits zu seinem Triumph. Und als hätte er ihren Geist manipuliert, flog sie direkt in seine Falle.

Er eilte hinterher und riss sogleich die Tür hinter sich zu. Jetzt hatte ihr letztes Stündlein geschlagen. Mit seinem besten Siegerlächeln scannte er die winzige Toilette nach seiner Beute ab. Schließlich fand er sie – und er staunte nicht schlecht über den reibungslosen Ablauf seines Plans – in dem Einmachglas mit dem Kuchen. Er ließ sein Taschentuch fallen und suchte mit zittriger Hand nach dem Deckel, den er vorhin in irgendeiner seiner Hosentaschen verstaut hatte. Als er ihn fand, hielt er den Atem an, hob die Hand hoch über das Glas und ließ sie mit einer Schnelle herabschießen, die er selbst nicht von sich erwartet hätte. Alles ging so schnell, dass er seinen eigenen Bewegungen nicht folgen konnte. Doch das panische Surren der gefangen Fliege verriet ihm, dass er sie genau dort hatte, wo er sie wollte.

Sie schwirrte im Glas umher, schlug immer wieder gegen den Deckel, landete, suchte die Wände nach einem Ausgang ab, flog erneut los, prallte hart gegen die Kante und blieb sitzen. Der alte Kuhn ließ den Deckel nicht los, fasste das Glas mit der anderen Hand, schraubte ihn fest und hob es dann direkt vor sein Gesicht. Selten musste sich ein Mensch über eine derartige Kleinigkeit so gefreut haben. Sein triumphierendes Lächeln sah monströs groß aus durch das Glas. Dann zog er es noch näher zu sich, um die Fliege genau sehen zu können. Ein grüner Schimmer zog sich über ihren Rücken und er glaubte sich zu erinnern, dass die Fliege von damals ebenso grün geschimmert hatte. Umso größer war die Freude, sie nun bis zum bitteren Ende quälen zu können.

Es musste lang und schmerzhaft sein. Den schnellen Tod durch einen Elektroschock hatte sie nicht verdient. Er nahm seine Sachen und ging samt der Fliege, die immer wieder panisch durch das Glas flog, in die Küche. Dort setzte er sie auf dem Tisch ab und betrachtete sie. Er dachte an all die vielen Möglichkeiten, die er jetzt hatte, sie zu töten. Er könnte vorsichtig den Deckel abschrauben, seine Fliegenklatsche mit dem Netz auf die Öffnung legen und die Fliege so lange dagegen fliegen lassen, bis sie sterben würde. Dann, wenn sie hoch halbwegs am Leben war, würde er sie seinen Goldfischen im Teich zum Fressen geben.

Oder er könnte das Glas langsam mit einem Feuerzeug erwärmen oder ein kleines  Loch hineinschneiden, durch das er Rauch hineinließ. So viele Ideen schossen ihm durch den Kopf, dass er sich tausende Einmachgläser wünschte. Er könnte das Mistvieh auch erstmal eine Weile in die Sonne stellen und es brutzeln lassen, bis er sich entschieden hatte, wie er die Fliege töten würde. Trotz seiner wahnsinnigen Blicke hatte sich die Fliege nun etwas beruhigt und machte sich wieder über den Kuchen her. Was blieb ihr auch anderes übrig?

Da klingelte es auf einmal an der Tür. Kuhn bekam auf einmal Mitleid mit der Fliege und wollte sie freilassen, als es nochmal klingelte. Er stand auf, sah zum Tisch, dann zur Tür und beschloss, die Fliege gleich freizulassen, nachdem er nachgesehen hatte, wer dort so energisch klingelte. Durch das Milchglas in der Tür erkannte er zwei kleine Gestalten, die sich vor der Tür drängten und schubsten. Jetzt wusste er, wer es war. Die Klingel ging nochmal und er rief: „Ich komm ja, ich komm ja!“ Er eilte zur Tür, machte auf und schon sprangen ihm die Zwillinge seines Sohnes in den Arm.

„Opa“, riefen Tim und Tom gleichzeitig. „Nicht so wild mit eurem alten Opa, ihr zwei. Hallo! Schön, dass ihr hier seid. Wo ist euer Papa?“ Er wusste genau, dass die zwei in den Garten wollten, um die Fische zu füttern, das war ihre Lieblingsbeschäftigung bei Opa. „Kommt gleich!“, sagte Tim und fragte sofort: „Dürfen wir in den Garten, Opa?“
„Na geht schon, das Futter ist im Schuppen.“
Und schon rasten die beiden an ihm vorbei in Richtung Terrasse.

Kuhn blieb an der Tür stehen und wartete auf seinen Sohn, der mit seiner schwangeren Frau nicht mit den Zwillingen mithalten konnte. Während die drei sich an der Tür unterhielten, fand im Garten die Vollstreckung der Todesstrafe statt, von der Kuhn die Fliege eigentlich freigesprochen hatte. Bei all dem Trubel hatte er ganz vergessen, dass in der Küche ein Einmachglas mit einer lebendigen Fliege stand. Für jeden kleinen Jungen war das wie ein Sechser im Lotto und garantiert die Einladung, etwas Dummes zu tun.

Sogleich als Tim das Glas erspäht hatte, war es auch schon auf dem Weg in Richtung Teich. Die beiden stritten sich erst darum, wer die Fliege töten durfte und entschieden dann, dass es egal war, denn es musste schnell gehen, sonst würden die Erwachsenen mit ihren Verboten und Regeln wieder den ganzen Spaß verderben. „Drück das Glas andersrum unter Wasser und schraub den Deckel ab, so kann sie nicht weg“, sagte Tom zu seinem Bruder, der das Glas in der Hand hielt. „Gute Idee!“, bestätigte er seinen Bruder, drehte das Glas, hielt es unter Wasser und schraubte den Deckel ab.

Die Fliege flüchtete instinktiv an den ehemaligen Glasboden, als die Kuchenkrümel an ihr vorbei ins Wasser fielen. Die Fische, anfangs noch vorsichtig, kamen nach und nach an die Oberfläche, um die vereinzelten Krümel aufzuschnappen, die sich jetzt im Wasser verteilten. Tim drückte das Glas immer weiter unter Wasser und verlor den Mut, als er merkte, dass es sich nicht füllte. „Du musst es schräg halten!“, rief Tom aufgeregt. Tim folgte der Anweisung seines Bruders und hob das Glas schräg zur Wasseroberfläche, sodass die Luft entweichen und Wasser hineinfließen, die Fliege aber nicht entkommen konnte.

Der Raum für die Fliege wurde immer enger, bis sie schließlich vom Wasser erwischt wurde. Hilflos zappelte sie umher und versuchte mit ihren nassen Flügeln zu schlagen. Die beiden wurden immer aufgeregter. Tim nahm schließlich das Glas weg und ließ die die Fliege im Wasser treiben. Sie zappelte, versuchte vergebens einen Halt zu finden. „Hol das Futter!“, befahl Tim seinem Bruder, der sich dem Bann des Schauspiels aber nicht entreißen konnte. „Geh du doch!“, schnauzte er Tim an.

Der wusste, dass die Fische nur kommen würden, wenn noch mehr Futter im Wasser wäre. Also rannte er so schnell er konnte in den Schuppen, schnappte die Futterdose und kehrte wieder zum Teich zurück. Zu seiner Erleichterung schwamm die Fliege immer noch an der Wasseroberfläche, wo sie Tom mit einem Grashalm immer wieder in die Mitte des Teiches schob, damit sie nicht entkommen konnte. „Schütte das Futter rein“, befahl er Tim, der durch den Anblick der zappelnden Fliege fast paralysiert wurde.

Er riss den Deckel ab und schüttete um die Fliege herum einen Futterkreis aus. Bei ihrem Spiel mit dem Tod hatten die beiden gar nicht gemerkt, dass ihr Opa zu ihnen getreten war. Er wollte sie gerade dafür rügen, dass sie einfach das Glas genommen hatten, als ein riesiger Goldfisch (den die Jungs liebevoll Hulk getauft hatten) aus den Untiefen des Teiches an die Oberfläche kam und sich die Fliege mit einem saugenden Geräusch schnappte.

Die beiden Jungs konnten ihr Glück kaum fassen und sprangen vor lauter Freude auf und packten aneinander und brüllten in heller Ekstase über diesen unglaublichen Vorfall. Das würde sie am Montag in der Schule zu echten Helden machen. Der alte Kuhn sah auf das leere Einmachglas, aus dem das Teichwasser auf den Rasen tropfte, sah zu seinen Enkeln, seufzte und ging wieder ins Haus. So schloss sich also der Kreis.

Aktuelle Beiträge