Der Dumme aus der Zukunft

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Ich war ein fauler Sack. Es war 2058 und ich hatte es zu nichts gebracht. Also strengte ich mich ein Mal in meinem Leben an und erfand eine Zeitmaschine. Ich beschloss, 40 Jahre in die Vergangenheit zu reisen, um meinem jungen Ich ordentlich in den Arsch zu treten. Die Zeitmaschine hatte noch einige Kinderkrankheiten und spuckte mich direkt auf der örtlichen Mülledeponie aus. Ich landete im Altpapiercontainer, fischte eine Zeitung unter meinem Hintern hervor und war erleichtert zu sehen, dass ich tatsächlich im Jahr 2018 angekommen war. Danach verfluchte ich meine Zeitmaschine, schlug ein paar Mal heftig mit der Faust auf das Metallgehäuse und versteckte sie hinter dem Container.

Zeit, mein altes Ich zu suchen, diesen faulen Sauhund. Ich ging die Dorfstraße entlang, alles war wie früher, die Vergangenheit hatte sich auch nach vierzig Jahren nicht verändert. Schließlich fand ich das Haus meiner Eltern, in dem ich damals gewohnt hatte. Ein nichtssagendes, weißgestrichenes Haus mit rotem Dach, dass in den 90er Jahren mal modern gewesen war. Es war mittag, das heißt, ich lag gerade mit der Hand in der Hose auf der Couch. Mit einem Anflug von Nostalgie betätigte ich die antik wirkende Klingel, die man noch mit der Hand eindrücken musste. Drinnen tat sich nichts, das Klingeln verhallte.

„Dieses faule Stück Scheiße!“, dachte ich, lief einmal ums Haus und sah zu meinem Fenster im zweiten Stock hoch. Ich nahm einen Stein aus dem Blumenkübel neben den Mülltonnen und schleuderte ihn mit voller Wucht gegen das Fenster. Schnell verdrückte ich mich um’s Eck und klingelte erneut. Dieses Mal war Bewegung zu hören. Jemand knallte ein Fenster zu und kam hastig die Treppen runtergeschlurft. Selbst in der Eile war er faul. Die Tür ging auf.

Da stand er, die fleckige Jogginghose saß so schlecht unter seinem Bauchansatz, dass einige Schamhaare hervorblickten. Die fettigen, schwarzen Haare hingen achtlos ins Gesicht hinunter. Er roch nach Pommesfett und sesselfurzender Faulheit.

„Du pickeliges, stinkendes Faultier! Geh doch an die Tür, wenn es klingelt!“

„Fick dich, Arschloch! Was willst du überhaupt?“

„Mann, ich bin du! Auch wenn du ziemlich hässlich bist.“

„Ach so…selber hässlich.“

„Ich bin aus der Zukunft gekommen.“

„Und?“

„Und? Und! Ist das alles, was du darauf zu sagen hast? Ich will dir in den Arsch treten, du Taugenichts. Jetzt lass mich rein.“

Ich schob mich an ihm vorbei in den Flur. Seine ausdruckslosen Augen hafteten auf mir.

„Was? Mach die Tür zu!“

„Du siehst ja aus wie ich…“, stellte er fest, ohne die Tür zuzumachen.

„Glückwunsch: so fühlt sich denken an!“

„Jop…“, erwiderte er und machte endlich die Tür zu.

„Ich bin quasi ein Fremder und du lässt mich einfach rein. Du spielst auch mit meinem Leben, ist dir das klar?“

„Nö, du lebst doch, alles easy.“

„Okay, pass auf, Sherlock Holmes, ich will, dass du mal nicht so’n Loser wirst wie ich. Also krieg dein Leben in Ordnung und mach was aus dir.“

„Das neue Red Dead ist gerade rausgekommen.“

„Du wirst in den nächsten zehn Jahren keinen Sex haben.“

„Gibt Pornos…“

„Jeder deiner Chefs wird dich feuern.“

„Pfff, arbeiten ist für Spießer, ich studier einfach irgendwas.“

„Zeig mir dein Zimmer!“

Mein junges Ich drehte sich wortlos um und schleppte seinen verfallenen Körper die Treppen hoch. Ich folgte ihm, seine halb heraushängende Arschritze zwang mich, mein Shirt über die Nase zu ziehen. Das Zimmer war noch so, wie ich es in Erinnerung hatte. An der Wand hing das Bild von seiner rechten Hand, die darauf aussah wie eine dickbusige blonde Frau. „Das ist geschmacklos“, bemerkte ich, das Poster betrachtend. Ich sah zu ihm. Seine Hand war in der Hose verschwunden. Er ließ einen Furz, während er mich mit seinem hohlen Blick fixierte.

„Hast du einen Schlaganfall?“, warf ich ihm entgegen. „Nimm die Hand aus der Hose und wasch sie verdammt nochmal!“

Er ging zum Waschbecken und ließ Wasser darüber laufen. „Mit Seife!“, rief ich wütend. Ich musste mich setzen, auf der Couch war zwischen müffelnden Klamotten und vollgewichsten Papiertüchern noch ein bisschen Platz. Die Klamotten würde ich verbrennen müssen, dachte ich. „Also“, begann ich, nachdem er sich neben mich gesetzt hatte, „was wirst du tun?“
Er zuckte mit den Schultern, griff nach dem Controller seiner Playstation und nahm das Spiel wieder auf, bei dem ich ihn unterbrochen hatte. Zum Glück war selbst seine Schamgrenze damals zu hoch gewesen, um sich mittags einen runterzuholen. Meine Frage völlig verdrängt, fragte er schließlich: „Wie schmeckt die Cola in der Zukunft?“

„Weniger süß…was? Ich hab dich was gefragt!“

„Nächste Woche schreib ich mich an der Uni ein…“

„Wirst du nicht! Dein Informatikstudium wirst du nach zwei Semestern abbrechen.“

„Dann mach ich halt was anderes.“

„Von wegen, danach hängst du zwei Jahre hier in deinem ekelhaften Zimmer rum, wirst beinahe depressiv und fängst schließlich bei der Post an.“

„Immerhin machen die was Sinnvolles.“

„Was glaubst du, wie viele Menschen es in der Zukunft gibt?“

„Zehn…“

„Zehn Milliarden?“

„Nö, einfach zehn.“

„DU GLAUBST, DASS ES IN DER ZUKUNFT NUR ZEHN MENSCHEN GIBT? WER HAT DIR INS HIRN GESCHISSEN?“

„Kann doch sein, nukleare Vernichtung und so.“

„Hör mal, ich bin doch nicht extra hier hergereist, um mir so eine Scheiße anzuhören.“

„Wie bist du eigentlich hergekommmen?“

„Ich hab eine Zeitmaschine erfunden!“

„Warte“, sagte er auf einmal ganz aufmerksam, pausierte das Spiel und sah mich nachdenklich an. Sein Hirn tat ihm den seltenen Gefallen, mal zu funktionieren.
„Du sagst mir, du hast eine Zeitmaschine erfunden?“

„Ja.“

„Bist du dumm? Du könntest Trilliardär sein, wenn du die verkaufst!“

Er riss mich an den Armen und schüttelte mich. Ich schob ihn weg und sah ihn aufmerksam an.

„Hast recht!“, rief ich plötzlich ganz aufgeregt.

„Voll geil! Wir sind reich!“

Mit einem Mal fielen wir uns in die Arme, sprangen auf und tanzten durch’s Zimmer, während wir uns gegenseitig zu unserem unverhofften Reichtum gratulierten. Da wir beide die Kondition einer hundertjährigen Schildkröte hatten, fielen wir nach fünf Minuten erschöpft auf’s Sofa. „Wir müssen einen Plan machen, wie wir beide davon profitieren“, stellte ich fest, nachdem sich mein Atem wieder beruhigt hatte.

„Ja, Mann…“

„Ist das Red Dead?“, bemerkte ich, als mein Blick eine Weile auf dem Bildschirm verweilt war.

„Jop, gerade rausgekommen…“

„Ich erinner mich, das war ein geiles Spiel.“

„Willst du mitspielen? Ich hab zwei Controller.“

„Klar.“

Er steckte den zweiten Controller ein und wir zockten eine Weile. Irgendwann fiel die Sonne hinter uns vom Himmel, was mein Magen als Zeichen erkannte, Hunger anzumelden.

„Junge, ich hab Hunger.“

„Mama kommt bald, bringt Pizza mit.“

„Cool. Hoffentlich mit extra Käse.“

„Wie ist sie so in der Zukunft?“

„Tot.“

„Ach so.“

„Ja, komm, wir zocken noch ne Runde.“

„Was ist mit der Zeitmaschine.“

„Ach, heute schaffen wir das eh nicht mehr.“

„Hast recht.“

„Wir sind echt schlau.“

„Richtige Füchse“, stellte er stolz fest und kratzte sich an den Eiern.

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