Gestern ein Geist

Gestern saß ein Geist in meiner Wohnung. Er muss bereits eine ganze Weile da gewesen sein, als ich ihn bemerkt hatte. Da er mir nichts tat, ließ ich ihn in Ruhe. Ab und zu schlich er durch die Wohnung, doch die meiste Zeit saß er im Schlafzimmer und blickte zum Fenster hinaus. Armer Kerl, hatte sich in einer verirrten Welt verloren. Da er nichts von mir wollte, ging ich irgendwann unbehelligt ins Bett. In dieser Nacht schlief ich gut und lange. Doch war es ein traumloser Schlaf."

Als ich heute Morgen erwachte, sah ich den Geist auf meinem Schrank sitzen. In seinen Händen hielt er mein Handy. Nicht doch, dachte ich. Es war kein Problem, dass er hier war. Aber dass er sich an meinen Sachen zu schaffen machte, stieß mir sauer auf. Ich ging ins Wohnzimmer, um die Leiter aus der Abstellkammer zu holen. Zurück im Schlafzimmer, saß der Geist immer noch an meinem Smartphone. Ich platzierte die Leiter ein Stück neben ihm, kletterte hoch und setzte mich ebenfalls auf den Schrank. Schon streckte ich die Hand aus, um nach meinem Handy zu greifen. Da sah ich endlich, was er sah und hielt inne.

In atemberaubendem Tempo sauste eine Meldung nach der anderen über den Bildschirm. Fast so, als hätte man eine Autobahn aus der Vogelperspektive gefilmt und ließe die Aufnahme in hundertfacher Geschwindigkeit abspielen. Viel zu schnell, als dass ein Mensch auch nur die Chance gehabt hätte, irgendetwas von dem zu entziffern, was da vorbeiraste. Der Geist war ganz und gar eingenommen von der Informationsflut. Und ich war wie gelähmt. Meine Augen klebten an dem kleinen Display, bis sie müde wurden.

Nach einer Weile kam ich wieder zu mir, der Geist aber war noch immer weggetreten. Ich bat ihn höflich, mir das Handy zu geben. Keine Reaktion. Jetzt reichte es mir. Ich wollte mir das Ding einfach schnappen. Als ich mit dem Finger an die Hülle des Handys fasste, fuhr ich erschrocken zurück. Der Dauerbetrieb musste es so aufgeheizt haben, dass es kurz vor der Entzündung stand. Meinen Besucher schien das kalt zu lassen. Ratlos blickte ich mich im Zimmer um. Womit könnte ich das Handy nur zu fassen bekommen?

Ich kletterte von der Leiter, holte ein Handtuch aus der Kommode und stieg wieder hoch. Zu diesem Zeitpunkt war es leider schon zu spät. Ich sah eine kleine Flamme aus dem Handy aufsteigen. Dann färbte sich das Aluminium auf der Rückseite schwarz. Einen Moment später schoss eine Stichflamme daraus hervor. Rückwärts sprang ich von der Leiter, um mich in Sicherheit zu bringen. Endlich ließ auch der Geist von dem Handy ab. Unbeeindruckt schmiss er es auf den Boden.

Ich versuchte noch mit dem Handtuch die Flammen zu ersticken. Doch war die Hitze bereits zu groß. Schließlich rannte ich in die Küche, um den Feuerlöscher zu holen. Nachdem sich der Nebel meiner Löschaktion gelichtet hatte, sah, hörte und roch ich das Chaos. Der Boden war angekohlt, die Rauchmelder piepten wie verrückt, das ganze Zimmer stank nach Rauch. Und der Geist? Der stand völlig teilnahmslos vor mir. „Warum hast du das getan?“, fuhr ich ihn an. „Es hört nie auf!“, sagte er voller Resignation in der Stimme. Dann schwebte er zum Fenster hinaus.

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Von Lukas Böhl

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