Die Hilfe des Arztes

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Noch war Zeit. Noch konnte ich meinen Launen eine Weile nachhängen. Der Herbst brachte die langersehnte Kälte mit sich. Im Fernseher brüllte ein amerikanischer Präsident seine Gegner an. „Why can’t you just be happy?“, warf er ihnen mit großen Gesten in seinem vergrämten Zynismus entgegen.

Die Menschen machten Glück für alles verantwortlich. 2018 gab es alles und jeden. 7 Milliarden Wege zum Leben und Sterben und abertausende Bestseller, die alle die eine Lösung bereithielten. Es ist nur, ja genau, weil nicht alle ihr Buch gelesen hatten, war die Welt schlecht, predigten sie von ihren Fernsehbühnen.

Derweil arbeitete die eine Hälfte der Kinder sich die Finger kaputt, während die andere Hälfte sich die Augen wund schaute. Das war nur ein weiterer Punkt, den man dem schlechten Gewissen hinzufügen konnte, bis es mit Kollateralschaden entgleisen würde und alles egal wäre.

Rauchen war nicht ungesünder als vor 50 Jahren, es wurde nur durch andere Drogen in seiner todbringenden Mission unterstützt. Der Alkohol war uns allen ein Freund. Er beschleunigte die Dinge und verzerrte so schön. Die Konzerne brauchten keine Werbeschilder mehr, ihre Botschaften hatten sich längst in unsere Hirne gefressen.

Wir folgten blind, weil es einfacher war. Die Mächtigen verstanden die Macht genauso wenig wie wir. Am Ende des Tages waren wieder 24 Stunden rum. Nichts, über das man allzu lange nachdenken sollte. Wir fallen alle auf Erde, Stein oder Asphalt und werden rückwärts in die ewige Ordnung eingegliedert.

Und plötzlich rief mich die Schwester auf und brachte mich ins Zimmer des Arztes, wo er stumm auf mich wartete mit seiner allwissenden Aura. 

„Was fehlt Ihnen?“, fragte er, als würde er für alles eine Pille im Schrank haben. 

„Ich habe Angst“, sagte ich, weil ich meine Symptome nicht beschreiben konnte.

„Das haben alle. Also was möchten Sie wirklich hier?“

„Ich fühle mich verloren.“

„Es wird keiner nach Ihnen suchen.“

„Was soll ich dann tun?“

„Nehmen Sie das“, sagte er schließlich, einen kleinen Computer aus einer Schublade holend, den er vor mir auf dem Tisch platzierte.

„Was macht das?, wollte ich wissen, den Gegenstand neugierig beäugend.

„Es nimmt die Verwirrung. Es filtert die Welt für sie. Es kann vieles, doch vor allen Dingen, absorbiert es Ihre Persönlichkeit.“

„Aber verschwinde ich dann nicht?“

„Nein, sie verändern sich nur.“

„Das will ich aber nicht.“

„Es ist Ihre Entscheidung. Angst oder Veränderung.“

„Ich weiß, was dann passiert.“

„Sie wissen nichts, deswegen sind Sie doch hergekommen.“

„Also gut, aber was, wenn ich die Behandlung abbrechen möchte?“

„Das hier, das wirkt. Keiner meiner Patienten ist je wieder zurückgekommen. Ihr Körper wird die Last des Denkens nicht mehr spüren, weil ihr Verstand sich von ihm loslöst. Es wird lediglich geteilt, was nie zusammengehört hat. Denken und Bewegen, Schlafen und Träumen werden nie wieder eins sein. Das Leid wird aufhören, denn von nun an wird der Verstand nicht mehr begehren, was nur der Körper erfahren kann und andersherum. Das bedeutet Freiheit, wie sie die Menschheit noch nie zuvor genossen hat.“

„Das klingt großartig.“

„Nun nehmen Sie es schon, draußen warten bereits andere Patienten auf meine Hilfe.“

Ich nahm das seltsame Gerät vom Tisch, bedankte mich freundlich beim Arzt für seine Hilfe, von der ich nicht sicher war, inwiefern sie es verdient hatte, als solche bezeichnet zu werden, drehte mich um und ging. Dieses Ding in meiner Hand übte eine unvorstellbare Anziehungskraft auf mich aus. Ich fühlte mich erleichtert, zerstreut und entrückt. Während ich seine Praxis verließ, drängte sich mir das Gefühl auf, dass ich ihn nie wieder sehen würde.

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