An der Bordsteinkante

A

Ich lungerte schon eine Weile an dieser Ecke herum. Es war nur eine Kreuzung, über die ich jahrelang mein Auto gesteuert hatte, um zu meiner Wohnung zu gelangen. Ein merkwürdiger Impuls hatte mich hergebracht oder eine undefinierte Laune, so genau wollte ich das nicht wissen. Hier zu sein fühlte sich richtig an, denn es war sonst niemand hier. Die Sonne knallte unbarmherzig von oben herab, ich setzte mich auf die Bordsteinkante in den Schatten einer Straßenlaterne und starrte auf den Kirchturm, der im Hintergrund über den Hausdächern thronte.

Es war kurz nach irgendwas, jedenfalls nicht wichtig genug, um schon nach Hause zu gehen. Auf der Kreuzung fuhren keine Autos vorbei, wahrscheinlich arbeiteten die Leute oder versteckten sich in ihren Häusern vor der Sonne, die mir fast das Herz aus der Brust brannte, so heiß schien sie vom Himmel. Ich saß noch eine Weile und schaute weiter dem Nichts des Nachmittages zu. Irgendwann kam ein Hase über die Straße gehoppelt und setzte sich direkt neben mich. Es war ein Feldhase, ein sehr hässliches Exemplar mit einem schwarzen Streifen, der quer über den Rücken verlief.

Ich beachtete ihn nicht weiter und ließ ihn neben mir Platz nehmen. Das Land war frei und der Bordstein lang. Das ganze Dorf hätte hier Platz gefunden und dann noch viele tausend Hasen. Er war wahrscheinlich gekommen, um der Langeweile beim Entstehen zuzusehen. Wie sich dann aber herausstellte, war er ein sehr nerviger Geselle, einer dieser Hasen, die mit dir reden möchten, die sich dir aufdrängen, bis du antwortest.

Er sprach über das Wetter. Ich redete nie über das Wetter, also schwieg ich. Dann sprach er über die Hitze. Aber es war so heiß, dass man es nur schweigend aushielt. Also beschrieb er, was er sah. Doch ich wollte nur vor mich hinstarren und nichts sehen. Schließlich behauptete er, er könne nicht schwitzen, was sich wie eine Lüge anhörte. Auf Lügen antwortete ich in der Regel nie.

Der Hase aber war gewieft und geübt in der Kunst der Kommunikation, weshalb er mich auf den Schatten der Straßenlaterne hinwies, in dem ich die ganze Zeit gesessen hatte. Schon wollte ich nicht antworten, als mir plötzlich auffiel, dass der Schatten tatsächlich nicht zur Form der Straßenlaterne passte. Zumindest nicht zu der Form, die eine Straßenlaterne haben sollte. Der Schatten hatte einen Knick, genau dort, wo der Pfosten der Laterne war und verlief dann schräg zum unteren Teil zur Seite weiter. Ich sah den Hasen an, er sah zur Laterne. Ich folgte seinem Blick und sah den Knick darin. 

„Der ist mir gar nicht aufgefallen“, sagte ich zum Hasen.

„Weil deine Erinnerung nicht bis hierhin reicht“, erwiderte dieser neunmalkluge Alleswisser.

„Vielleicht will ich mich nicht erinnern, Hase!“

Der Hase blickte mir direkt in die Augen und rümpfte die Nase, als hätte ich ihn beleidigt. Dämlicher Hase, dachte ich, er war es doch, der mir mangelndes Erinnerungsvermögen vorgeworfen hatte. 

„Warum bist du nicht auf der Arbeit, Hase? Alle Leute sind jetzt bei der Arbeit?“, fragte ich ihn schließlich leicht verächtlich.

„Warum hast du eben zu Gott gebetet?“, warf mir der Hase entgegen.

„Ich glaube nicht an Gott und bete nie.“

„Bis auf dieses eine Mal vorhin.“

„Verschwinde, Hase, und lass mich in Ruhe hier sitzen“, sagte ich und wollte damit die Konversation beenden. Daraufhin legte ich mich so hin, dass die eine Hälfte meines Körpers auf dem Bordstein lag und die andere auf der Straße.

Der Hase sah mich neugierig an und öffnete wieder sein dummes Maul: „Warum legst du dich auf einmal hin?“

„Weil mir alles wehtut“, brachte ich mit schmerzerfüllter Stimme hervor. Mein ganzer Körper krümmte sich und meine Organe schienen von innen gegen meine Rippen zu hämmern, als wollten sie hinausspringen. 

„Und da ist dein Handy!“, stellte der Hase fest, indem er auf mein Handy deutete, dass aus meiner sich krümmenden Hand auf den Boden gefallen war. Aus dem Augenwinkel erkannte ich den Screen eines Messengers und die nicht abgeschickte Nachricht: „Bin gleich dedref“

„Kannst du mich nicht nach Hause fahren, dummer Hase?“, bat ich ihn.

„Ich kann dich ein Stück mitnehmen, aber nur soweit wie deine Erinnerung reicht.“

„Soll mir recht sein, Hase.“

Im nächsten Moment saßen wir in meinem Auto und fuhren die Straße hinunter, die zu der Kreuzung führte, an der wir uns getroffen hatten. Der Hase hatte keinen Führerschein, also fuhr ich. Ich überquerte die Kreuzung oberhalb der unseren und bremste dann leicht ab. Da begann der Hase mich anzuschreien: „Jetzt musst du dein Handy rausholen und die Nachricht schreiben!“

Er schien zu wissen, wie das Spiel funktionierte und ich folgte seiner Anweisung. Mit der einen Hand am Steuer, bediente ich mit der anderen das Handy und verfasste die Nachricht. Aus irgendeinem Grund konnte ich das Wort „da“ nicht schreiben. Ich klickte jedes Mal auf den falschen Buchstaben oder es wurde per Autokorrektur „dedref“ eingefügt.

Da wurde ich wütend und suchte mit hasserfüllten Augen nach dem Hasen. Auf den ersten Blick war er nicht zu finden, der Beifahrersitz war leer. Ich suchte das ganze Auto ab und fand ihn schließlich auf dem Bordstein auf der anderen Straßenseite wieder. Ich ließ das Fenster hinunter, um ihn anzuschreien. „Weshalb sitzt du jetzt da draußen, du dummes Vieh?“, rief ich ihm halb wahnsinnig, halb verzweifelt zu. 

„Hier bin ich lebendig und dort drüben tot. Einen Moment später bist du es auch!“, rief er zur Antwort und begann zu laufen. Er drohte, direkt unter die Räder zu geraten. Ich schnappte das Lenkrad, riss es nach links, spürte einen Stoß, hatte für den Bruchteil einer Sekunde einen klaren Moment, in dem ich mich an Gott wandte und prallte mit voller Wucht gegen eine Straßenlaterne. 

Aktuelle Beiträge