Ein Objekt, das nur ist

Auf ihn ist Verlass. Wenn auch sonst nichts klar ist in der Welt, dann wenigstens, dass er hier sitzt. Er ist ein Objekt, das nur ist. Wenn man ihn anschaut, könnte man meinen, man beobachtet eine Statue. Stundenlang kann er da hocken und über die Theke hinaus auf die Gleise schauen. Währenddessen trinkt er sein Bier in fein abgestimmten Schlucken. Würde man mit dem Lineal messen, würde man wahrscheinlich feststellen, dass sich der Inhalt des Glases jedes Mal um genau einen Zentimeter verringert."

Sein Blick ist entweder leer oder erleuchtet. Entweder ist er alkoholisiert oder transzendiert. Ins Nirvana hat er sich gesoffen, wohin Buddha nur durch Meditation gelangte. Man fragt sich, warum er die Zeit hat, hier den ganzen Tag zu sitzen. Er nimmt sie sich einfach. Er ackert so viel, da lässt er niemand sonst über seine verbliebenen Stunden bestimmen. Nur er, sein Bier und das Fenster zu den Gleisen. Eine Vorlage gemacht für ein Gemälde. So, wie sie früher gemalt wurden. Hier gehört er hin, hier kann man ihn festhalten, an die Wand hängen und dort lassen.

Von da an kommt jeden Tag ein Gast, der ihn sieht und sich fragt, wo sein Platz im Gemälde wohl wäre. Aber es gibt keine Antwort. Im Bildnis kommt nur an, wer einen Platz in der Welt hat. Die meisten aber sind hier und da, manchmal auch nirgends, oft vernetzt, zuhause verloren und ganz bestimmt nicht dort, wo sie sein wollen. Kurz gesagt, in der Welt gibt es keine Plätze mehr. Höchstens noch Momentaufnahmen, die kurze Zeit später in der Cloud landen. Vergessen und nie wieder gesehen.

Das Gemälde von dem Mann in der Bar, es bleibt jedenfalls da. Genauso wie die Fischer in ihren Booten im Hotel, der Jäger auf der Pirsch im Restaurant und der Maler vor der Leinwand in der Lobby. Sie alle haben ihren Platz gefunden und müssen nicht mehr weg. Also warum müssen wir immer weg?


 

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Von Lukas Böhl

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