Moderne Gedichte im 21. Jahrhundert

M

Heute ist bestimmt nicht weniger Platz für Gedichte als vor 100, 500 oder 1000 Jahren. Poesie in neuer Form – Rap und Hip Hop – läuft rauf und runter in deutschen Kinderzimmern.

Trotzdem habe ich das Gefühl, dass für das klassische Gedicht kein Platz mehr ist. Vielleicht war es das nie und jede Generation muss diesen Platz für sich selbst schaffen. Es gibt noch Menschen, die klassische Gedichte schreiben, keine Frage, aber was braucht ein Gedicht im 21. Jahrhundert?

Wer will denn noch von Waldspaziergängen und vom aufgegeilten Liebhaber, der mit seiner Wortkunst versucht, seine Instinkte in ein schönes Gewand zu packen, lesen? Ich jedenfalls nicht. Na ja, manchmal vielleicht.

Aber ich finde, dass moderne Gedichte ein Ausdruck der Zeit sein müssen. Ein Gedicht entsteht, wenn eine Person auf einmal das dringende Bedürfnis hat, etwas rauzulassen oder etwas ausdrücken zu müssen. Ich rede hier ganz bewusst von „müssen“, denn es ist tatsächlich ein Drang, so wie zur Toilette gehen. Zum Leben eines Dichters gehört das dazu.

Und dann ist meistens der Weg vom Kopf über die Hand auf’s Smartphone (Wer schreibt denn noch auf Papier?) viel zu lang. Bis dahin ist der Gedanke womöglich schon wieder dorthin verschwunden, woher er kam.

Das Schwierige an einem Gedicht ist mit den beschränkten Möglichkeiten der menschlichen Sprache zu arbeiten. Dieses Gefühl, dieser Drang, ist übermenschlich (im Gegensatz zu weltlicheren Dingen wie urinieren) und verlangt nach einer übermenschlichen Ausdrucksweise.

Das ist aber nicht möglich. Alles, was der Mensch an Worten zur Verfügung hat, ist aus seinem beschränkten Kopf (oder besser gesagt aus dem seiner Vorfahren) entstanden. Er muss das Erlebte also zwangsweise auf menschliche Maßstäbe runterbrechen und Kompromisse eingehen. Im Prinzip schafft er nichts Neues, er schafft nur einen neuen Blickwinkel, den der Mensch verstehen kann. Das ist aber nur eine neue Verbindung, ein Link.

„Hier schau mal, du kannst diese Sache auch so sehen. Siehst du das Schöne daran?“

In gewisser Weise erklärt er seinen Mitmenschen also, was die Welt manchmal vor diesen verbirgt. Seine Emotion wird er dabei trotzdem nie so rüberbringen können, wie sie zu ihm gelangt, ebenso wenig, wie er seine Muße in ausreichender Form beschreiben kann. Die Muße ist die Muße, dann kommt der Dichter, das Medium, dann kommt der Leser. Wenn nach diesem ganzen Filterungsprozess noch eine Emotion übrigbleibt, die beim Leser hervorgerufen wird, hat er sein Werk vollbracht.

Dichten ist nicht mehr ein Handwerk, das man lernt, es ist das Auffangen einer Schwingung, das Erkennen eines Ereignisses und die Einsicht, dass es nie wieder so sein wird, man aber versuchen muss, es wenigstens ansatzweise für die Welt festzuhalten.

Dieses Gefühl sollte jedem bekannt sein, der schon mal eine andere Person geliebt hat. Darum sind nur wenige Gedichte wirklich zeitlos, denn jede Generation erkennt die Welt in ihren Maßstäben, die Quintessenz an Überstimmung bildet die Grundlage für Zeitloses.

Doch kein Dichter sollte versuchen, sich auf Zeitlosigkeit einzuschwören. Unsere moderne Zeit ist viel zu schnelllebig geworden, der Zeitgeist verändert sich nun innerhalb weniger Jahre. Moderne Gedichte dürfen daher nicht mehr auf Form und Regeln achten, sie müssen fließen, versuchen, den Moment festzupinnen, um ihn im nächsten Moment davonfliegen zu sehen. Wie beim Toilettengang darf man sich danach nicht umdrehen, man muss es runterspülen, vergessen, auf das nächste Mal warten und hoffen, dass irgendwann etwas von universellem Verständnis dabei rauskommt.

Gedichte im 21. Jahrhundert kämpfen vor allen Dingen gegen das „Weiterscrollen“.

Textnachrichten werden nur noch überflogen, sie werden auf die Basisinformationen beschränkt. Eine Uhrzeit, ein Ja, ein Nein, ein Smiley, ein Fragezeichen. Es ist kein Platz mehr für Ausschweifungen über Gott und die Welt, denn der Newsfeed ist unendlich, die nächste Nachricht wartet hinter der nächsten Nachricht.

Damit haben wir unser Bedürfnis nach Unendlichkeit, das in anderen Bereichen noch nicht gestillt worden ist, teilweise befriedigt. Wir wissen weder, wie man ewig lebt, noch wie man in eine andere Galaxie gelangt. Aber wir wissen, dass wir quasi für immer auf unserem Handy nach unten scrollen könnten. Ein befriedigendes Erlebnis für eine so unbedeutende Spezies wie wir es in diesem Universum vermeintlich sind.

Wenn also nicht mal mehr eine Momentaufnahme die Zeit anhalten kann, wo bleibt dann noch Platz für Gedichte?

Was, wenn Gedichte nur noch funktionieren, wenn Sie das Bewusstsein von Unendlichkeit für einen Moment auslöschen?

Nicht im negativen Sinne, sondern indem sie einen für den Menschen greifbaren Rahmen schaffen, in dem er sich für einen Moment seiner Existenz bewusst wird, selbst wenn diese Existenz in der leeren Unendlichkeit besteht. Insbesondere sollten moderne Gedichte aber nicht auf veraltete Sprache zurückgreifen. Das was kommt, in den Worten des Dichters, sollte so bleiben wie es ist, denn es ist, sofern der Dichter schnell genug war, das purste und reinste Gefühl geistiger Losgelöstheit. Er muss es nicht krampfhaft in schöne Worte pressen, um einem veralteten Reimschema gerecht zu werden, er muss nur schnell sein.

Dabei ist es auf der einen Seite schade, dass beim Transkribieren so viel verloren geht, auf der anderen Seite findet hier die Übersetzungsarbeit statt, die zwingend notwendig ist, um den Mitmenschen von dem Gefühl zu berichten.

Kein Foto, keine mündliche Widergabe, kein Text, kein Gemälde wird je die ungefilterte Schönheit des Moments wiedergeben können, aber sie schaffen eine Grundlage für ein zwischenmenschliches Verständnis.

Aktuelle Beiträge