Mein Fahrrad hatte lange im Keller gestanden. Es musste Monate her gewesen sein, seit ich es das letzte Mal benutzt hatte. Die Luft war fast vollständig aus den Reifen entwichen. Also pumpte ich sie erst einmal auf, bevor ich losfuhr.
Es war ein heißer, drückender Tag. Die Sonne hatte sich hinter ein paar Schleierwolken verzogen, doch das machte die Hitze kaum erträglicher. Ich fuhr den Hügel hinauf durch das Dorf und bog hinter dem Wasserturm auf die Feldwege ab. Wann immer sich die Gelegenheit bot, ließ ich mich ein Stück im kühlenden Fahrtwind rollen und genoss die Aussicht. Von hier aus konnte man über die Felder hinweg bis zum Wald und zu den Dörfern dahinter sehen. Viele der Wiesen waren von der Trockenheit braun und ausgedörrt. Alles ächzte unter der Hitze. Alles schien sich nach einem erlösenden Regenschauer zu sehnen.
Eine Weile fuhr ich an der Bundesstraße entlang, bevor ich wieder auf einen Feldweg einbog. In der Ferne entdeckte ich eine Liegebank unter zwei großen Eichen. Dorthin steuerte ich. Ich stieg ab, ließ das Fahrrad ins Gras fallen und legte mich hin. Von hier aus konnte ich die Autos und Lkw auf der Bundesstraße beobachten. Ein laues Lüftchen machte die Hitze etwas erträglicher. Dennoch war ich ganz allein. Da ich schon vom bloßen Sitzen schwitzte, konnte ich es niemandem verübeln, dass er sich heute nicht hinausgewagt hatte.
Die vertrockneten Felder erinnerten mich daran, dass ich wahnsinnigen Durst hatte. Ich griff nach der Flasche im Halter am Fahrradrahmen, nahm ein paar große Schlucke und stellte sie neben mich. Dann lehnte ich mich zurück und schloss die Augen.
Ein Summen holte mich jedoch schnell aus meinen Tagträumereien. Eine Biene schwirrte um mich herum. Ich wedelte mit der Hand, um sie zu vertreiben. Irgendwann flog sie tatsächlich davon. Gerade als ich mich wieder entspannt hinlegen wollte, kam sie von der anderen Seite zurück. Dieses Mal hielt sie direkt auf meine Flasche zu. Bevor ich reagieren konnte, hatte sie sich bereits auf das Mundstück gesetzt.
Ich nahm die Flasche und schüttelte sie leicht, doch die Biene blieb völlig unbeeindruckt sitzen. Mit so viel Hartnäckigkeit hatte ich nicht gerechnet. Schon überlegte ich, sie mit einem unsanften Stupser von der Flasche zu befördern. Da wurde mir klar, was sie dort eigentlich wollte. Sie war nicht gelandet, um mich zu ärgern. Sie hatte Durst.
Am Mundstück hingen noch ein paar Tropfen Wasser vom Trinken. Die Biene saugte mit ihrem kleinen Rüssel daran, als gäbe es nichts Wichtigeres. Auf einmal tat sie mir furchtbar leid. Auch sie litt unter der Hitze und der Trockenheit. Da kaum noch Wasser auf dem Mundstück war, drehte ich die Flasche vorsichtig um und ließ noch ein paar Tropfen herauslaufen. Die Biene ließ sich auch davon nicht aus der Ruhe bringen. Gierig nahm sie auf, was sie bekommen konnte.
Noch nie hatte ich eine solche Begegnung mit einem Insekt erlebt. Ich beobachtete das kleine Tier dabei, wie es sich an meiner Flasche gütlich tat. Mein eigener Durst spielte längst keine Rolle mehr. Bestimmt eine ganze Minute trank die Biene, bevor sie genug Kraft für den Weiterflug gesammelt hatte. Dann schwirrte sie los, drehte noch eine Schleife, als wollte sie sich verabschieden, und flog schließlich davon.
Ich sah ihr noch eine Weile nach und freute mich über diese unerwartete Begegnung.