Eine Frage der Perspektive

Ich saß auf einer Bank und grübelte. Ein Fremder kam vorbei. Unsere Blicke kreuzten sich für einen Moment. Er sah verdächtig aus. Was trieb dieser Kerl hier mitten in der Nacht? Wahrscheinlich fragten wir uns beide dieselbe Frage. Warum mussten wir den anderen überhaupt wahrnehmen? War es nicht genug, hier draußen allein zu sein?"

Als er schon fast vorüber war, blieb er stehen. Regungslos starrte er weiter in die Richtung des Weges. Er drehte nicht einmal den Kopf zu mir. Ich beobachtete seine Schultern, ob ich dort irgendeine Regung wahrnehmen konnte. Ein Zucken. Ein Andeuten. Das Ziehen einer Waffe.

Mein Körper war im Alarmmodus. In der Tasche hielt ich bereits meine Schlüssel griffbereit, um sie im Notfall als Waffe einzusetzen. Sekunden angespannter Anspannung vergingen. Doch es tat sich nichts. Keiner von uns beiden rührte sich. Man hörte nicht einmal das leiseste Ein- oder Ausatmen.

Dann ein Rascheln im Gebüsch. Hatte er es vor mir gehört? War er deshalb stehen geblieben? Etwas sprang aus dem Unterholz. Obwohl ich mich erschreckte, traute ich mich nicht, mich zu bewegen. Im orangefarbenen Licht der Laternen erkannte ich, dass es sich um eine Katze handelte.

In dem Moment, als sie aus dem Busch gesprungen war, hatte sie eine Schockstarre ergriffen. Sie war wie angewurzelt stehen geblieben. Ihr Buckel war gewölbt, doch sie gab keinen Laut von sich.

Dann hörte man wieder ein Rascheln. Erneut sprang etwas auf den Weg. Dieses Mal ein Hund. Offenbar hatte er die Katze gejagt, doch sobald er mich und den anderen gesehen hatte, war auch er wie eingefroren stehen geblieben.

Der Mann hatte sich die ganze Zeit über immer noch nicht gerührt. Da war nun also eine Katze, die mich anstarrte, während die Blicke des Hundes zwischen mir und ihr wechselten und ich den Mann im Auge behielt, der völlig unbeeindruckt von der Szene immer noch so dastand wie zuvor.

Das alles machte keinen Sinn. Warum rührte sich niemand?

Plötzlich nahm ich eine Bewegung oberhalb der mir am nächsten stehenden Straßenlaterne wahr. Etwas schwirrte ein paar Mal um die Lampe, bevor es sich schließlich auf dem Schirm niederließ und zu uns herabschaute. Eine Fledermaus hatte sich zu uns gesellt. Auch sie schien von der allgemeinen Regungslosigkeit angesteckt worden zu sein.

Das alles war sehr sonderbar, dachte ich mir. Als ich nach oben sah, fiel mir auf, dass der Mond sich kein Stück bewegt hatte, seit ich mich auf die Bank gesetzt hatte. Waren wir alle in der Zeit gefangen?

„Was ist hier los?“, fragte ich ohne bestimmten Adressaten in die Runde.

In diesem Moment krachte in der Ferne ein gewaltiger Blitz vom Himmel. Ich spürte ein Ziehen in meinem Körper, und dann zog mich eine Kraft mit unvorstellbarer Geschwindigkeit in den Himmel. Ich wurde ins Weltall geschleudert.

Mit einem Mal verharrte ich an Ort und Stelle. Dann drehte ich mich in atemberaubender Geschwindigkeit um die Erde. Mir wurde schlecht. Und schon im nächsten Augenblick wurde ich zurück auf die Erde geworfen.

Zwei Flügel fingen meinen Sturz ab. Ich flog unter Brücken und Bäumen hindurch, jagte Mücken und kleine Nachtfalter, schlief kopfüber in einer Höhle und war dann plötzlich ein Hund. Ein katzenjagender, urinierender, bellender Hund.

Nur dass ich direkt die Perspektive wechselte und selbst die Katze war. Ich schoss durch das Gestrüpp, stellte Vögeln und Mäusen nach, rieb mich an den Beinen von Fremden und schlief in der Sonne.

Doch dann richtete ich mich auf und lief in den Schuhen eines Fremden. Ich lief und spürte seine Sorgen und Ängste. Ich lief einen dunklen Weg entlang, sah einen Unbekannten und hatte Angst.

Und ehe ich mich versah, war ich wieder ich.

Da ging ein Mann seines Weges. Ein Kätzchen sprang zu mir auf die Bank, irgendwo bellte ein Hund, und etwas schwirrte über meinen Kopf hinweg. Hoch oben schien der Mond.

Mit einem Mal war ich sehr versöhnlich gestimmt.

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Von Lukas Böhl

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