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Dichtwoch #47 – Schneemann

D

Immer wenn es Sommer ist… Nein, es ist Winter. Nur dann blühen Mauerblumen in Mauerritzen auf. Dabei weiß jeder: Winter ist die Zeit zum Traurigsein und ich bin es nicht. Dieses Jahr war ich auf Reisen und nie weiter weg als dort, wo ich stand. Ich entdeckte fremde Länder, alte Kinder, Phasentrinker und einen Verrückten. Sie alle hielten einen Wegweiser zum Jetzt in der Hand und ich verzieh...

Ballerina

B

Die Wolken konnten nicht länger verdecken, was sie getan hatten. Die Sonne biss in die Erde, schmolz den letzten Schnee des Jahres von der Oberfläche, dort, wo sie lagen. Hunderte, vielleicht Tausende Männer, nicht detonierte Handgranaten, tote Pferde. Die letzte Ruhe überkam sie im Dröhnen der Maschinengewehre. Mitten zwischen den Toten, fixiert in einer vor Kälte erstarrten Hand, in einer...

Dichtwoch #46 – Spaziergänger

D

Er stört die Unbescholtenheit des Schnees nicht mit seinen Schritten. Geht langsam durchs Grau eines wolkenbehangenen Januartages. Der Bergrücken vor ihm neigt sich ihm entgegen. Die Sonne rutscht ein Stück am Himmel gen Westen, um ihn auf dem Hügel zu treffen. Denn sie weiß, er ist einer der Letzten seiner Art. Ein Spaziergänger, der des Gehens wegen geht und nicht, um voranzukommen. Er kennt...

Dichtwoch #45 – Flussgeist

D

Einer, der wie ein Fluss sich durch Wüsten und Wälder, Berge und Täler, Wiesen und Städte schlängelt, durch alle Schichten der Gesellschaft mäandert, für jeden, Freund oder fremd, ein gutes Wort findet. Einer, der ihnen allen eine Heimat gibt. Der wie der Fluss immer weiterfließt. Von dem niemand Anfang oder Ende kennt. Der allen Müll und Schutt mit sich nimmt. Einer, der in rauen Zeiten zur Ruhe...

Endlos

E

Es klopft, es ist spät. Du erwartest keinen Besuch und wolltest auch keinen machen. Du hörst das Holz an der Schwelle knacksen und hast eine leise Ahnung, wer da wartet. Du glaubst, es sind nur zwei Drinks, die dich zur Tür treiben würden, also stellst du die Flasche weg. Dann klopft es wieder, beharrlich, aber nicht fordernd. Wer da steht, braucht keine Tricks anzuwenden. Du bist es, der am Ende...

Dichtwoch #44 – Mannwerdung

D

Ich rasiere die Schönheit aus meinem Gesicht, den Jungen aus dem Mann. Und weil es nichts Inspirierendes hat, kippe ich den Barthaaren Champagner hinterher. Es folgt der einsamste Blick, sich immer wieder zu versichern, dass man noch dieselbe Person ist. Mit zwei eisgrünen Augen starre ich den Mann an, der mein kindliches Ich vertrieben hat und frage mich, was er dort macht. Ist er doch nicht...

Ausnüchterungszelle

A

Ich laufe durch diese sauberen Straßen auf der Suche nach Abgründen. Ich durchlaufe in den Bars alle Albtraumszenarien menschlicher Existenzen. Ein Drink mit einem jeden erspart mir hoffentlich ein ähnliches Schicksal. Wie ich voranschreite, steige ich die soziale Leiter weiter hinab. Spiel diesen Song noch mal, rufe ich der Band zu. Und dann schau ich auf von meinem Whiskey und sehe, da war nie...

Dichtwoch #43 – 16

D

Du kommst rum, sprichst von früher, als wären wir sechzehn. Ich trinke nichts, sehe dir zu. Du schwelgst und schwärmst und träumst. Ich schaue auf die Uhr. Du erinnerst und vergisst, du bist damals und dort. Ich hier und jetzt. Du bist entsetzt, was aus mir geworden ist. Ich schockiert, was von dir übrig blieb. Wir reden eigentlich von nichts, tauschen nur Wortfetzen aus, alles ohne Sinn.

Dichtwoch #42 – Erblühen

D

Im Tal noch Winter, am Himmel der Sommer. In weißen Schwaden schmilzt das Eis und wird zu Wasser. Die Sonne scheint ohne Gnade, vertreibt die letzte Kälte. In den Vögeln der Frühling, in den Winden der Herbst. In den Herzen wieder Liebe, in den Gesprächen wieder Leben. Es fliegen die ersten Schnaken, es fliegen die ersten Pollen. Es riecht nach Blumenstaub, überschüssiger Kälte und Sex. In der...

Baumwerdung

B

Da war ein kleiner Setzling, bestimmt ein großer Baum zu werden; mit starken Ästen und vollem Blätterdach; ein Heim für Vögel, Eichhörnchen und Insekten. Er wuchs dorthin, wo die Sonne stand und in seinem ersten Jahr fast zehn Zentimeter. Von anderen Bäumen wusste er nichts, noch hielt er sich für einmalig. Seine Äste wuchsen, weil die Natur es so wollte. Eines Tages, da fiel ein Schatten auf ihn...

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