Was und wer ist meine Generation?

W

Irgendwann stellt sich jeder Heranwachsende diese Frage, mehr noch, er fragt sich, ob er selbst zu dieser Generation gehört. Denn die Gesetzmäßigkeiten einer solchen werden nicht von denen geschrieben, die dazu gehören, sondern von denen, die sie von außen beobachten. Den Leuten, die auf der Couch sitzen, Augen weit auf, Hirn zu, Nachrichtenfluss rein. Meinung gebildet, bevor ein Gedanke entstehen konnte. Die große Empörung über Gesichtstattoos und Selbstmordraten. Das sind alles Zahlen, entrückt, verfremdet. Denn die, die sich wirklich umbringen, kommen nicht zu Wort und verschwinden. Und eine weitere Generation wächst heran und der Kreislauf geht von vorne los.

Das Schicksal der Menschheit: jeder wird für sich erwachsen, immer und immer wieder. Wir alle starten von Null. Und alles, was die Politiker, Denker und großen Menschen vor uns in die Wege geleitet haben, muss wieder gelernt, verstanden und umgesetzt werden. Doch die meisten gehen einfach den Weg ihrer Eltern, wiederholen und vergessen.

Dann wieder Kinder, wieder nichts gelernt. Eine Spezies, die stirbt und geboren wird, alt wird und heranwächst, aneinander vorbei. Wir wachsen nicht in uns hinein, sondern wollen wie Bäume größer werden, das Alte überschatten. Sind im Glauben, wir seien schlauer und würden es besser machen, doch sind aus der gleichen Erde gewachsen und fest darin verwurzelt. Wir reißen sie nicht einfach raus und fangen neu an, sondern wollen anders sein und bleiben trotzdem gleich.

Ich hätte genauso gut vor 100, 200, 300 oder 1000 Jahren jung sein können. Jungsein wird immer gleich sein, nur die Umstände ändern sich. Leider fängt unser Verstand nicht bei 40.000 Generationen Erfahrung an, sondern bei 1. Und bevor wir sterben haben wir uns vielleicht das Wissen von 1, 2, höchstens 3 Generationen angeeignet.

Was sollen wir da lernen?

Wir verschwenden so viel Zeit darauf, selbst zu den großen Erkenntnissen der Menschheitsgeschichte zu kommen, dass die Entwicklung eigener Gedanken viel zu spät einsetzt. Und ehe man es sich versieht, ist man alt und hat nichts mehr zu sagen, weil die neue Generation schon die Welt übernommen hat und noch so viel lernen muss. Und 40 Jahre später reihen sie sich in die Reihe der zu Vergessenden ein. Dann ist es vorbei.

Als Kind haben wir unseren eigenen Kopf und lernen die Fakten der Geschichte nur auswendig, wollen nicht verstehen, weil wir im Recht sind, ein Anrecht haben, auf die Zukunft dieser Welt. In jedem Kind, das geboren wird, fängt die Zukunft wieder an. Es ist also nicht verwunderlich, dass wir nicht im Stande sind, die Zukunft vorherzusehen. Fortschritt passiert nur langsam, denn da ist so vieles was uns ablenkt. Wir sind lieber am leben als zu lernen zu verstehen. Das kann man niemandem vorwerfen. Denn was sind schon 70, 80 Jahre auf einer Welt, die seit Ewigkeiten durch’s Weltall schwebt. Da bleibt nur Zeit für uns selbst.

Die, die später mal die Scherben aufräumen müssen, kennen wir sowieso nicht. Irgendwas hat dir einen Moment der Klarheit in der Dunkelheit der Unendlichkeit geschenkt und du setzt alles daran, nicht frühzeitig aufwachen zu müssen. Was ist da schon der Traum derer, die davor aufgewacht sind? Wozu all das Gerede von Generation?

Es ist, als würden dieselben Menschen immer wieder geboren werden. Und nur manche brechen heraus und gehen einen Schritt vorwärts, bis die Masse merkt, dass sie hinterher gehen können. Aber der, der vorausging hat sich aufgebraucht und am Ende seinen kurzen, fliehenden Moment der Klarheit darauf verwendet, die Grenzen des Möglichen ein Stück zu verschieben. Einige Generationen später wird sein Name in einem Geschichtsbuch stehen und ein Kind wird ihn mit Tinte auf Papier schreiben und nicht wissen, was durch seinen Kopf gegangen ist, als er einen Schritt vorausging ins Ungewisse.

Das Kind weiß nur, dass es auch gerne so sein würde. Denn an diese Person erinnert man sich, nicht aber an die Milliarden anderer Menschen, die gelebt haben, um diesem Kind diesen Moment der Klarheit zu verschaffen und das ist nicht mal verwerflich. Aber das Kind versteht nicht, was es brauchte, diesen Gedanken des Vorangehens zu fassen und welch ein Opfer die Person gebracht hat. Es ist als würden wir das Denken nicht lernen, sondern das Nachdenken über das Denken, bis wir glauben, das Denken sei unmöglich, weil wir so viel darüber nachgedacht haben. Also fangen wir nicht neu an, sondern ahmen nach, vergessen den Schatz, der uns hinterlassen wurde.

Wer immer bei der Herde bleibt, sieht die Herde nicht. Aber einen Schritt beiseite zu machen oder auf den Berg zu steigen und die Herde zu erblicken, bedeutet, das Leben an sich vorbeiziehen zu sehen. Und egal wie sehr man sich abmüht und sich streckt, um danach zu greifen, das Leben fließt an einem vorbei, hat einen stehengelassen. Dabei ist man nicht anders, niemand kann sich aus seinem Verstand herausdenken, niemand wird sich je durch leben von seiner menschlichen Existenz lösen. Was danach kommt, ist ungewiss.

Das sind nur Gedanken beim Erwachsenwerden, die Angst vor einer Zukunft, in der der Mensch sich selbst ersetzt. Was sein wird, wenn der Mensch einen besseren Mensch erschafft, kann niemand vorhersehen. Daher sind wir vielleicht gar nicht mehr als ein Rädchen im großen System. Zum Bewusstsein erwachte Materie, dazu bestimmt, die Evolution auf eine Art und Weise weiterzuführen, wie sie bis jetzt nicht möglich war.

Der Mensch kann sich seiner großen Aufgabe nicht entziehen, denn sonst würde er aufhören zu arbeiten, zu forschen, zu sein. Und das Opfer all derer, die gelebt haben und in Kriegen gestorben sind, wäre umsonst gewesen. So schützt die Masse den Einzelnen, der das Schicksal der ganzen Menschheit erfüllt. Dessen Name einst in den Geschichtsbüchern steht, der, der sein Leben gibt, um Leben zu ersetzen, das nicht perfekt ist.

Streben wir wirklich Unendlichkeit an, hat der Mensch bisher nur durch schiere Masse versuchen können, dieses Ziel zu erreichen. Doch jetzt sind wir an einem Punkt angelangt, in denen Maschinen vielleicht ewiges Leben eingehaucht werden kann, irgendwann.

Doch was hat die Evolution von dieser Unendlichkeit?

Nichts als das Unendlichsein. Das ist die treibende Kraft, die jeder spürt. Kreativität, Sexualität, Strebsamkeit, ganz egal. Jeder ahnt es, keiner kann es ausdrücken. Alles was wir haben, sind die Worte, die wir uns selbst beigebracht haben, mit denen wir allein gelassen wurden auf einem Planeten, den wir uns nicht ausgesucht haben, in einer Hülle, die alles andere als vollkommen ist. Und trotzdem entziehen wir uns nicht der Übermacht unserer Gene, sondern treiben das Leben voran.

Vielleicht haben wir das Maximum an Perfektion der menschlichen Existenz schon überschritten und müssen jetzt zwangsweise daran arbeiten, ein neues System einzuführen. Der Mensch mag an sich faul sein, doch Stillstand hält er nicht aus. Die Bürde des Bewusstseins. Und so hat ihn die Evolution ihrer Aufgabe Untertan gemacht, ohne dass er es gemerkt hat.

Das sind nur Gedanken beim Erwachsenwerden, an einem Sonntagnachmittag.

Aktuelle Beiträge