LEBEN und ERLEBEN

Eine Betrachtung von Heinz Konrad Müller

Über das Phänomen Erleben wurde schon viel nachgedacht, geredet, geschrieben und  spekuliert. Es gab große Verwirrung, wenn versucht wurde, Erleben rational zu erklären.  Bisweilen wird Denken und Erleben auf dieselbe Stufe gestellt. Informationsverarbeitende Maschinen werden als denkende Maschinen bezeichnet und bisweilen hört man, diese Maschinen besäßen künstliche Intelligenz. Aber selbst für den Begriff Intelligenz gibt es keine allgemein anerkannte Definition. Die maschinelle Verarbeitung von Daten könnte man zwar ‚Künstliches Denken’ nennen. Niemand kann sich aber ernsthaft vorstellen, dass es ein ‚Künstliches Erlebengeben könnte. Wenig hat in der Geistesgeschichte mehr Verwirrung gestiftet als die Vermengung dieser Kategorien, hier das Funktionale des Lebens, dort das Phänomenale des Erlebens. Was Erleben und Bewusstsein ist, wie es zustande kommt, ist ein ungelöstes Rätsel, – vermutlich ein unlösbares. Viele Denker haben sich im Lauf der Zeit damit befasst.

Von dem Religionsphilosophen Augustinus (354 – 430 n.Chr.) sind Gedanken überliefert 1, die auf den Kern des Rätsels zielen: „Der Mensch ist ein tiefes Geheimnis. Die Haare seines Hauptes hast du, Herr, gezählt. Aber sie sind leichter zu zählen, als was in seinem Herzen sich regt und lebt. Ist das Herz des Menschen nicht ein Abgrund? Was ist unergründlicher? Die Menschen können reden; sie können gesehen und gehört werden. Aber ihre Gedanken kann man nicht schauen. Was sie innen tragen, treiben, wollen, denken – wer begreift es? So unergründlich ist der Mensch, dass er sich selbst verborgen bleibt. Nur Gott kennt ihn: Er sieht das Herz an.“  Ein gläubiger Mensch kann also sagen: Gott hat seinen Kreaturen mit dem Erleben etwas geschenkt, was sie im Grund zwar nicht begreifen können, das ihnen aber hilft, das Wirken Gottes zu erahnen.

Der Physiologe Emil du Bois Reymond befasste sich mit dem Problem in zwei grundlegenden Betrachtungen : Über die Grenzen des Naturerkennens (1872) 2, und Die sieben Welträtsel (1880)3. Er kam sinngemäß zu dem kategorischen Schluss: Wir werden niemals verstehen können, wie Materie zu erleben vermag. Der Biologe Wolfhard Weidel 4 griff das Problem 1962 auf und stellte fest: „Wir werden das Funktionieren des biologischen Apparats – von dem wir ja unmittelbar wissen, dass er Erleben hervorbringt – immer tiefgreifender verstehen können. Die erschreckende Erkenntnis ist aber, dass es für das Verständnis des Funktionierens dieses Apparats vollkommen gleichgültig ist, ob dieser dabei etwas empfindet (erlebt) oder nicht.“ Der Philosoph Peter Bieri hat 1994 seine Sicht auf das Problem dargelegt: Was macht Bewusstsein zu einem Rätsel? 5. Ausgehend von dem unbestreitbaren Gleichlauf zwischen dem materiellen Leben und dem bewussten Erleben analysiert er den Begriff Bewusstsein, kapituliert aber letztlich vor der Ahnung, dass es Zusammenhänge gibt, „die für das Verstehen von Erleben notwendig wären, die uns aber prinzipiell verborgen bleiben.“ Früher waren die Wissenschaftler hinsichtlich Bewusstsein und Erleben ziemlich zurückhaltend gewesen. Das hatte sich mit Sigmund Freud geändert. Vor allem in den USA rüstete sich eine Armada von Tiefenpsychologen, Hirnforschern, Psycho-Physiologen und Traumanalysten zum Großangriff auf ein Gebiet, das irgendwie auf ‚echte’ Wissenschaftler gewartet zu haben schien.

Bezeichnenderweise war es die Traumforschung, die endlich Licht ins Dunkel bringen sollte. Angesiedelt an der Grenze zwischen dem jedermann zugänglichen wachen Erleben und dem Schlafbewusstsein – dem seltsamen Erleben im Schlaf – schien das Träumen eine Tür zum Geheimnis des Bewusstseins zu sein. Aber Ursache und Funktion des Traumes sind auch heute noch nicht umfänglich erforscht. Die Hirnforschung nennt Träume ‚eine physiologische Antwort neuronaler Prozesse’, die Tiefenpsychologie eine ‚Auswirkung unbewusster Prozesse’, was immer das heißen soll.

In der neueren Forschung zum Begriff Bewusstsein wird Erleben mit dem Begriff Qualia umschrieben und heftig diskutiert. Eine erhellende Betrachtung zum Stand der Forschung – man könnte auch sagen: zur Verwirrung in der Forschung – findet man 2017 in Das Leere Gehirn 6. Darin beleuchtet Eduard Kaeser das Problem distanziert, kritisch und mit einem Anflug von Humor.

Die Versuche, Erleben rational zu erklären, sind gescheitert. Das bewusste Erleben eines Individuums kann mit Drogen verändert und mit Narkotika vorübergehend ausgelöscht werden. Bei Gehirnoperationen berichteten Menschen von traumhaft auftauchenden Erlebnissen, wenn bestimmte Hirnareale berührt wurden. In Stanislaw Lems Summa technologiae 7 findet man unter dem Begriff Phantomatik ein Feuerwerk utopischer Überlegungen zur direkten Beeinflussung von Bewusstsein, also zur gezielten Erzeugung von ‚Künstlichem Erleben. Allerdings gehört das nicht zum Bereich Wissenschaft.

Bei all dem bleibt eines klar: Es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen materiellem LEBEN und immateriellemERLEBEN. Das Phänomen Erleben entsteht auf rätselhafte Weise in uns. Wir können uns nicht vorstellen, wie in einem aus Materie bestehenden Lebewesen ein Erlebnis zustande kommt. Goethes Faust sagt: „Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen“. Was wir unmittelbar durch unsere Sinne erfahren, was wir sehen, tasten, riechen, hören, auch was wir träumen, ruft in uns Erlebnisse hervor. Auch Worte können zu Erlebnissen führen. Ein Zuhörer ist zwar keineswegs mit dem Bewusstsein des Erzählers verbunden. Ein guter Erzähler lässt den Zuhörer aber glauben, die Geschichte selbst zu erleben: Er erlebt die Geschichte in seiner Phantasie, er erfindet sie neu.

Es gibt eine unaufhebbare Beschränkung in der Kommunikation: Man kann beim besten Willen nie wissen, was ein anderer Mensch erlebt. Erleben ist nicht übertragbar. Anders ausgedrückt: Ich selbst habe für mich ja die unmittelbare Erfahrung, dass ich die Welt erlebe, dass ich ein inneres Bild, ein Gefühl von dem habe, was außerhalb von mir existiert. Dass ich etwas erlebe, was und wie ich es erlebe, daran gibt es für mich keinen Zweifel. Ob aber ein anderes Lebewesen etwas erlebt, was und wie es erlebt, kann ich niemals wissen. Ich kann es nur glauben.

Alle Lebewesen – Menschen und Tiere – ‚funktionieren’ durch ein komplexes mechanisches und elektromagnetisches Zusammen­wirken ihrer Zellen. Wir nennen es Leben. Die Lebensfunktionen werden immer tiefgreifender erforscht und beschrieben. Auch von Menschen gebaute Roboter werden immer besser funktionieren, je komplexer ihre Strukturen gestaltet sind. Roboter werden sich mit der Zeit immer ‚intelligenter’ verhalten und wer sie beobachtet, wird bisweilen dazu verführt, zu glauben, dass diese Maschinen sich ihrer selbst bewusst sind, besonders wenn sie es – programmgemäß – ‚sagen’.

Ich glaube das nicht, obwohl ich nicht weiß, wie Bewusstsein entsteht. Ich glaube einfach nicht, dass Maschinen etwas erleben, dass sie Gefühle haben. Man wird sie zwar mit raffinierten Funktionen ausstatten, so dass sie uns sagen können – uns weismachen können – sie hätten Gefühle und Bewusstsein. Anhänger der Künstlichen Intelligenz glauben schon heute, dass Maschinen Erlebnisse haben und es wird künftig immer mehr Menschen geben, die den Maschinen glauben, was sie sagen.

Zum Schluss: Dass die Natur mich mit Erleben ausgestattet hat, weiß ich und ich verstehe es als Wunder. Ich glaube, dass alle lebenden Wesen, Menschen und Tiere, die Welt erleben, dass sie fühlen. Ich weiß zwar, dass ich letztlich in meiner eigenen inneren Erlebniswelt allein bin, sie wirklich mit niemanden teile. Das macht mich aber nicht unglücklich.

München, im Februar 2021

  1. Augustinus, A. Der Mensch ist ein tiefes Geheimnis, Zit.aus Aufstieg zu Gott., Boros, L, Hsg.,2001
  2. du Bois Reymond, E. Über die Grenzen des Naturerkennens, Leipzig (1872)
  3. du Bois Reymond, E. Die sieben Welträtsel, Leipzig, (1880), ebd.
  4. Weidel, W. Kybernetik und psychophysisches Grundproblem, Kybernetik, Bd 1, 1962.
  5. Bieri, P. Was macht Bewusstsein zu einem Rätsel? in: Gehirn und Bewusstsein, Spektrum 1994.
  6. Kaeser, E. Das leere Gehirn, www.nzz.ch/wissenschaft-das leere gehirn-Id.1329199
  7. Lem, S. Summa technologiae, 1981

*Über den Autor: Heinz Konrad Müller, *1933, Univ. Prof. bis 1995; Fluid Sealing Technology; www.fachwissen-dichtungstechnik.de

Weitere Geschichten vom Autor:

Von Lukas Böhl

Hallo, mein Name ist Lukas. Ich bin der Autor hinter dem Sinnblock. Falls du mehr über mich erfahren willst, schau mal hier vorbei. Dir gefällt, was du liest und du willst meine Arbeit unterstützen? Dann kannst du mir gerne via PayPal einen Kaffee spendieren oder mein Buch kaufen :) Ist natürlich kein Muss. Die Inhalte werden immer frei zugänglich und ohne lästige Werbeeinblendungen bleiben. Ich wünsche dir viel Spaß beim Stöbern!