Launen nachhängen, Impulsen nachgeben

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Erwachsenwerden passiert, daran besteht kein Zweifel. Man muss es nicht lernen, sondern es einfach hinnehmen und geschehen lassen. Das ist auch gar nicht das Problem. Die Schwierigkeit beim Älterwerden liegt in der Aufgabe des launenhaften, impulsiven Verhaltens eines Kindes. Hier eine Möglichkeit, da eine Chance, die doch immer wieder durch eine vielsprechendere Alternative abgelöst werden. So jagt man wie eine Katze einem Laserpunkt am Boden nach und schlägt mit der Pfote überall dort auf, wo er auftaucht und gewinnt am Ende des Tages nichts dazu, außer der Verzweiflung über die pure Sinnlosigkeit dieser Aktion.

Ich weiß nicht, ob die Natur einen Schalter vorgesehen hat, der sich irgendwann umlegt und diesem Verhalten einen Riegel vorschiebt, aber ich wage es stark zu bezweifeln. Man kann eine Laune mit noch so viel Disziplin und Selbstbeherrschung niederringen und es wird trotzdem im nächsten Moment irgendwo eine andere aufpoppen, die Zerstreuung verspricht und der man sich gerne hingibt. Schließlich hat man diesen anderen Impuls erfolgreich bekämpft, da kann man sich getrost eine weitere Ausschweifung gönnen.

Wieder braucht es Zeit, bis Geist und Körper sich einig sind, von dieser Zügellosigkeit lassen zu müssen. So gerät man in einen Teufelskreis, rechtfertigt den Beginn eines neuen Exzesses mit der Aufgabe eines alten. Lieber nimmt man den Fall nach tausend kleinen Höhepunkten in Kauf, statt sich der Erreichung eines langfristigen Ziels zu verschreiben. Wir betrinken uns, um für zwei oder drei Stunden zu vergessen, nur, um dann mit Mordsgeschwindigkeit gegen die Mauer der Ernüchterung zu knallen. Vom Aufprall kaum erholt, legen wir eine Woche später wieder los, um die Schmerzen zu betäuben.

Was sind fünf Tage Depression gegen fünf Stunden Euphorie?

Dieses Muster lässt sich auf jede hemmungslose Ausschweifung anwenden, sie alle bringen dasselbe Problem mit: der Montag kommt. Und mit ihm das reuevolle Gefühl, seinem Laster nachgegeben zu haben. An diesem Tag wird einem am deutlichsten bewusst, wie sehr einen das eigene Verhalten immer wieder zurückwirft. Man sieht diejenigen, die mehr Selbstkontrolle an den Tag legen, die das Wochenende genutzt haben, um auszuschlafen, die Kurzweil für langfristige Zufriedenheit opfern und dadurch im Eiltempo an uns vorbeiziehen, die wir, verkatert von durchzechten Nächten, aus unseren Löchern steigen.

Was ist es, das sie gleich einem Gott scheinbar gegen jede Verfehlung immun macht?

Vielleicht nur die Einsicht ins eigene Ich. Es ist schwer, nicht jeder Schwalbe am Himmel nachzulaufen, um zu sehen, auf welchem Baum sie sich niederlässt. Manchmal muss man sich mit dem Wissen zufrieden geben, dass Schwalben fliegen und sich auf seine Füße konzentrieren und wohin diese einen tragen können. Man darf nich neidisch sein auf den Vogel am Himmel, weil er Flügel hat, sondern sollte auf die Kraft des eigenen Körpers vertrauen, einen dorthin zu bringen, wo man sein möchte.

Es ist doch so, dass sich auf unserem müßigen Gang durch’s Leben nicht einfach irgendwo eine Tür öffnet, durch die uns ein freundlicher Fremder hineinbittet, um uns eine Abkürzung durch die qualvollen Leiden der menschlichen Existenz zu zeigen. Es gibt keine Abkürzung. Klar, man kann auf der Stelle treten und sich immer wieder selbst den Boden unter den Füßen wegziehen, um den Weg nicht sehen zu müssen. Doch solches Verhalten muss zwangsweise in Unzufriedenheit enden, spätestens dann, wenn man an den vielen Fußspuren um einen herum erkennt, wie sehr man hinter den Anderen zurückgeraten ist.

Es ist leicht, immer von morgen zu sprechen und blind hineinzustolpern, in der Hoffnung, es würde sich was ändern. In Wahrheit bleibt alles beim Alten, zumindest für einen selbst, die Gesellschaft aber schreitet voran, sie kann gar nicht anders. Sie wird dich nicht mitschleifen, wenn du dich wie ein ungehorsamer Hund auf den Bauch legst.

Aber was bewegt einen dazu, so zu handeln?
Ist es wirklich die Angst, etwas zu verpassen, sodass man später nicht mitreden kann?

Was immer da vor sich geht, ist ohnehin viel zu groß, um es verstehen zu können. Nichts spricht dagegen, sich eine Weile auszuklinken, um dann mit neuer Kraft wieder aufzuholen oder sogar zu überholen.

Wann wird Impulsgetriebenheit eigentlich zur Sucht?

Als junger Mann muss man so viel unterdrücken, was einem in den Kopf schießt. Wie überzeugt man sich bei dieser Reizüberflutung, dass man seine sexuelle Energie bündeln und in etwas Sinnvolles stecken kann, etwas das von langfristigem Wert ist? Vielleicht ist es bei Männern besonders gravierend, da sie von klein an gewohnt sind, dem Druck nachzugeben, sich hinter dem Computer oder einem schmutzigen Magazin mit Papiertüchern zu verschanzen und ihren Urinstinkten freien Lauf zu lassen. Kurzes High, großer Fall.

Die Frau, die man sich vorstellt, den Sex, den man sich kurz vor dem Höhepunkt ausmalt, wird es nie geben. Es folgt Enttäuschung, Reue, Selbstverachtung, aber es fühlt sich zu gut an, um beim nächsten Mal darauf zu verzichten. Die Befriedigung ist nie weiter als eine Armlänge entfernt. Und genauso kurz bemisst man im späteren Leben die Schritte zum Erfolg. Wehe, es dauert einmal länger, dann biegt man bei der nächsten Kreuzung links ab und holt sich das High woanders.

Es ist unglaublich, was für Anstrengungen und Entbehrungen wir in Kauf nehmen für etwas Spaß und wenn die Pflicht ruft verziehen wir uns wie Schaben unter den nächsten Stein und kommen nicht eher wieder heraus, bis der Kelch an uns vorübergereicht worden ist. Fürs Erste wenigstens. Wir alle wissen, dass er im Kreis herumgeht und früher oder später wieder bei uns ankommt.

Haben wir bis dahin unser Verhalten geändert oder bleiben wir stur?

Um von dieser Gewohnheit abzulassen, muss man sich für eine Weile einem kalten Entzug unterziehen. Das heißt nicht, dass man das eine Laster durch ein anderes ersetzt. Nüchtern, illusionslos muss man sich der Realität stellen, bis man erkennt, dass es Spaß machen kann, die eigene Kraft für etwas Langanhaltendes, Beständiges zu verwenden, dessen Ende zu diesem Zeitpunkt vielleicht noch gar nicht sichtbar ist. Selbst, wenn der Erfolg ausbleibt, so hat man am Ende mehr gelernt, als durch gedankenloses Hin- und Herirren und kann diese Erkenntnis für etwas anderes nutzen.

Etwas, das einem nicht durch die Hände rieselt wie Sand. 

Etwas, das bleibt.

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