Heller Geist – Dunkle Materie von Heinz Konrad Müller

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Gastbeitrag von Heinz Konrad Müller* für sinnblock.de


Frank war mein Jugendfreund. Ich schätzte ihn wegen seiner klaren Gedanken und seiner Fähigkeit, Kompliziertes verständlich auszudrücken. Er hielt in mir die Faszination für Physik wach. Von ihm habe ich gelernt, dass in der Wissenschaft Fortschritt vor allem mit Phantasie zu erreichen ist. Sein Seminar über Einstein war ein Erlebnis. Die Gravitationstheorie, sagte Frank, habe Einstein damals intuitiv entwickelt, mit raffinierten Gedankenmodellen.

Später trennten sich unsere Wege. Darius studierte in Berlin und in Boston Physik und Philosophie. Manchmal schrieben wir uns noch Briefe. So vergingen die Jahre. Ende letzten Jahres erhielt ich überraschend ein Postpaket von Frank. Er berichtete von einer Krankheit und bat mich, das beigefügte Manuskript vertraulich an mich zu nehmen, er werde noch ausführlicher schreiben, was er damit vorhabe und weshalb er es mir schicke. Lange hörte ich nichts, aber dann erfuhr ich, dass Frank Darius bei einer Reise nach Ostasien im malaisischen Penang gestorben war und dort beerdigt wurde.

Nun las ich Franks Manuskript. Was er mir anvertraut hatte, konnte ich nur verstehen, wenn ich mich intensiv mit Mathematik und mit daoistischer Philosophie auseinandersetzte. Vermutlich hatte er eine Veröffentlichung im Sinn und wollte meine Meinung hören. Wegen der Vertraulichkeit, um die er gebeten hatte, war fremde Hilfe nicht möglich.

Ich zitiere nun Frank Darius DAO – YinYang und Gravitation

Die Diskussionen in der Astrophysik werden zunehmend beherrscht von der Frage nach der DUNKLEN ENERGIE und der DUNKLEN MATERIE. Bei der Dunklen Materie weiß man noch immer nicht, worin sie bestehen könnte. Die Existenz Dunkler Energie wird da und dort bezweifelt. Das brachte mich dazu, wieder ganz von vorne nachzudenken über Gravitation. Ist sie tatsächlich verbunden mit der unvorstellbaren Raumkrümmung oder gibt es das Graviton als Träger einer Anziehungskraft wirklich? In der Astrophysik hat man längst erkannt, dass es im Weltraum außer der leuchtenden Materie der Sterne auch bislang nicht detektierbare, unsichtbare Substanzen mit Gravitationswirkung geben muss.

Vor allem die Bewegungen der Sterne in den Galaxien und zwischen ihnen legen dies nahe. Man nannte diese Substanzen Dunkle Materie und Dunkle Energie. Astrophysiker forschen nun in aller Welt danach. Viele vermuten, dass Dunkle Materie aus kalten Teilchen gewöhnlicher Materie besteht.

Diese Vorstellung wäre irrig, falls die unbekannten Substanzen sehr viel kleiner und energieärmer sind als materielle Teilchen. In einer Quantentheorie der Gravitation werden hypothetische Teilchen mit anziehender Wirkung Gravitonen genannt, in Anlehnung an die Photonen, die kleinsten Teilchen des Lichts. Falls Gravitonen überhaupt existieren, ist die Anziehungskraft eines einzelnen Gravitons so klein, dass man es bislang messtechnisch nicht erfassen konnte. Gravitonen sind weder beschreibbar, noch kennt man ihre Herkunft, auch nicht ihren Impuls. Freeman Dyson (1) hat dargelegt, weshalb beim derzeitigen Stand der Technik einzelne Gravitonen überhaupt nicht detektierbar sind.

Wenn Dunkle Materie etwas mit Gravitonen zu tun hat, müssen wir zunächst unsere Vorstellung von ihnen überdenken. Wir nehmen nun an, dass die scheinbar leeren Räume zwischen allen Körpern im Weltall, auch die Räume zwischen den Quanten der Materie und der Strahlung, mit Gravitonen gefüllt sind.

Über diese Idee habe ich mit Linjin gesprochen, den ich vor Jahren bei einer Vortragsreise in Ostasien kennengelernt habe. Er hatte in Singapur Astrophysik studiert. Linjin lebt in Penang in Malaisia, nahe dem Kuan Yin Tempel. Er spricht fließend Englisch und ein wenig Deutsch. Ich hatte nicht damit gerechnet, Linjin hier in Penang wiederzutreffen aber plötzlich war er da. Er war keineswegs überrascht, es schien mir, als habe er darauf gewartet.

Wir waren gleich wieder in einem wissenschaftlichen Gespräch, das später beim Abendessen in einer Straßenküche fortgesetzt wurde. Es ging selbstverständlich um Astrophysik und wir spürten beide ein ungutes Gefühl, als wir auf die alten und neuen Phantasien mancher Kollegen zu sprechen kamen, angefangen vom Urknall bis zu den sogenannten Multiversen. Beim Urknall wird ja ein „Wunder“ postuliert, bei dem vor einigen Milliarden Jahren alle Materie des Weltalls urplötzlich und einmalig aus einem einzigen Punkt (!) – aus dem Nichts – hervortrat. Ebenso seltsam mutet uns die Vorstellung an, es gäbe außer unserem Universum noch viele weitere Universen.

Weniger spektakulär ist da die Quasi Steady State Cosmology (2). Gestützt auf Beobachtungen von Halton Arp (3), der am Rand großer Galaxien seltsame Begleitgalaxien entdeckt hat, wird in der QSSC angenommen, dass neue Materie entstehen kann, wenn in einem sehr starken Gravitationsfeld Energie sich spontan in Masse verwandelt.

Wir waren uns einig, dass man das, in Verbindung mit Gravitonen, weiter untersuchen müsse. Linjin bot an, mich „mit der Kunst des Denkens und Forschens im Allerkleinsten vertraut zu machen“. Seine Fähigkeit, Vorgänge in der Welt kleinster Strukturen zu erfassen und zu beschreiben war beeindruckend. Bisweilen war mir seine Vorstellungskraft geradezu unheimlich. Er machte Voraussagen über Gravitationswirkungen im Bereich des Allerkleinsten. Seine Ideen waren für mich seltsam verwoben mit der daoistischen Symbolik des YinYang. Wenn von Gravitonen die Rede war, glänzten seine Augen. Mit dem Zeichenstift schuf er beeindruckende Bilder von „Energie-Nestern“. Er sprach davon, dass man Kräfte sehen und ihr Zusammenwirken „erwissen“ könne. Mir war klar, dass es viel Zeit brauchen würde, unsere Gedanken zusammenzuführen. Linjin meinte: „Wir müssen das unsagbar Kleine in Gedanken formen, das Erscheinen und Verschwinden der Gedanken anregen, bremsen, und dann fassen.“

Er sprach auch über LaoDse, den Urvater der Lehre vom DAO, demallumfassenden Ganzen, das alles enthält, Materie, Energie und Geist. Das DAO sei unbeschreiblich.

Du schaust nach ihm und siehst es nicht:
Es ist das Unsichtbare.
Du horchst nach ihm und hörst es nicht:
Es ist das Lautlose.
Du greifst nach ihm und fühlst es nicht:
Es ist das Unfaßbare.
Vereint sind diese drei
in ihrer Unermeßlichkeit.
Ihr Erscheinen bringt kein Licht,
Ihr Vergehen keine Dunkelheit.
Endlos quillt das Namenlose  
und entschwindet wieder im Nichts.
Formen ohne Gestalt,
Schemen ohne Umriß,
Unwirkliche Erscheinungen.
Geh Ihnen entgegen und du siehst kein Gesicht;
folg ihnen und du siehst keinen Rücken.

Im Ursprung das DAO zu wissen,
lässt uns die Gegenwart meistern.
Wer den Anfang von allem versteht,
begreift das alles durchdringende DAO.

LaoDse. Dao De Jing, Kapitel 14

Ich war beeindruckt von der Kraft daoistischen Denkens. Am nächsten Tag schenkte mir Linjin ein Exemplar des DaoDeJing in englischer Übersetzung. Ich kam zurück auf Linjins Verbindung von Daoistischer Symbolik und Physik. Er hatte sich mit den Formen besonderer Galaxien beschäftigt, deren Gestalt an das YinYang-Zeichen erinnert. Auch bei Bildern des Hubble-Teleskops von Doppelsonnen drängten sich ihm solche Gedankenverbindungen auf. Wir wussten, dass es revolutionärer Vorstellungen bedürfte, um dies alles mit realer Astrophysik zu verbinden.

In der folgenden Zeit bestürmten mich immer wieder solche Bilder. Einmal träumte ich von einem Teilchen, das wohl etwas mit einem Graviton zu tun hatte – eigentlich mit zwei Gravitonen – die sich wie in einem YinYang-Symbolumtanzten. Bei LaoDse hatte ich gelesen: Das Allergrößte gleicht dem Allerkleinsten.

Ich überlegte: Wenn Dunkle Energie repräsentiert wäre durch ein raumfüllendes Gravitonengas mit unermesslich vielen Gravitonen, die sich in chaotischem Durcheinander bewegen, und sich dann, durch ihre Anziehung, paarweise zu YinYang-artigen Gebilden „einrollen“. Dadurch müsste sich das Chaos im Gravitonengas verringern. Könnte man das als Umwandlung Dunkler Energie in Dunkle Materie verstehen?

Übers Jahr flog ich wieder zu einem Vortrag nach Fernost. Im Kuan Tempel in Penang wurde mir eine Botschaft von Linjin übergeben. Er schrieb, die Zeit sei gekommen, dass er sich – wie einst LaoDse – auf den Weg nach Tibet mache. Jeder Mensch müsse seinen Weg zu Ende gehen. Er bedankte sich für unsere Freundschaft und wünschte mir, „letztlich den Anfang von allem zu verstehen“.

Nun lag es an mir, zu versuchen, diese Bilder in die Sprache der Mathematik zu übertragen. Nach mehr als einem Jahr „drehten“ sich erstmals verbundene Gravitonen auf dem Bildschirm. Jetzt galt es, weitere Brücken zu schlagen. Ich sah modellhaft bestätigt, wie mit der paarweisen Kopplung der Gravitonen sich die chaotische Bewegung im Gravitonengas vermindert, das Gas sich beruhigt. Das könnte tatsächlich eine Vorstufe zur Neubildung von Materie sein.

Der nächste Schritt war die Modellierung des Gedankens, dass in einem sehrdichten Gravitonengas Paare von Gravitonen zu immer kompakteren Strukturen verschmelzen – zu immer größeren Materieklumpen: Eine großräumige Verwandlung Dunkler Materie in reale Materie. Ein sehr dichtes Gravitonengas ist dort zu finden, wo riesige Gravitationskräfte wirken, im Zentrum großer Galaxien. Dort gibt es eine gigantische Brutstätte für neue Materie aus Gravitonen. Falls dann in einem Raumbereich mehr Materie entsteht als zugleich wieder in Gravitonen zerfällt, wächst die Masse neu entstehender Materie lawinenartig an. Zuerst bilden sich Materieklumpen, und – wenn der Raumbereich sehr groß ist – schließlich Sterne und neue Galaxien.

Nun fehlte noch ein letzter Schritt: Was geschieht mit der Materie erloschener Sterne? Ich entdeckte, dass Materie im Endzustand instabil ist und dadurch andauernd Gravitonen verliert, die spurlos im Gravitonengas verschwinden. So gibt es letztlich eine fortdauernde und allumfassende Zirkulation: von Gravitonen zu Materie und wieder zu Gravitonen.


Hier endet das Manuskript, das Frank Darius hinterlassen hat. Die Ideen von Frank und Linjin sind grundstürzend. Sie verbinden die allergrößten Strukturen des Weltalls mit den allerkleinsten, verbinden Phantastisches mit Unvorstellbarem. Jedes Ende ist verbunden mit einem immer wiederkehrenden Anfang. Nicht einzigartig und einmalig. Anfang und Ende sind überall, zugleich und immerwährend. Gravitonen, allerkleinste Teile, sind Keime des Größten, der Sonnen und Galaxien. Keime auch des Wichtigsten: der Gedanken und Phantasien von Menschen. Alles verbirgt sich im unbeschreiblichen DAO. Wirklichkeit im Unsichtbaren, Wahrheit im Unermesslichen, Schönheit im Unfassbaren.


(1) Freeman Dyson, Is a Graviton Detectable?, Inst. of Advanced Studies, Nanyang, Singapore 2013

(2) Fred Hoyle, Geoffrey Burbidge and Jayant Narlikar: A Different Approach to Cosmology, Cambridge University Press, 2000

(3) Halton Arp: Seeing Red: Redshifts, comology and academic science, Apeiron, Montreal, 1998.


*Über den Autor: Heinz Konrad Müller, *1933, Univ. Prof. bis 1995; Fluid Sealing Technology; www.fachwissen-dichtungstechnik.de

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