Konversationen

K

Wir alle haben eine Idee im Kopf, von der wir glauben, dass sie dem aufrichtigen Verständnis unserer menschlichen Existenz entspricht. Diese Idee bildet einen Teil unserer Persönlichkeit, der uns in all unserem Handeln und Denken beeinflusst. Obwohl wir sie glauben zu kennen, ist sie vage, wir sind nie in der Lage, ihre ganzen Ausmaße zu begreifen.

Ebenso wenig sind wir in der Lage, diese Idee durch Worte für eine andere Person greifbar zu machen. Wir versuchen, sie bestmöglich aus unserem Empfinden heraus zu übersetzen, scheitern aber meist schon an den oberflächlichsten Umrissen dieser Idee. Im Kopf unseres Gegenübers bildet sich nun ein eigenes Verständnis dessen, was wir zu sagen versuchen, ohne dass die Person jemals die schieren Ausmaße in vollem Umfang erfassen wird.

Wenn wir miteinander reden, drehen sich unsere Gedanken im Kreis, sie verharren auf der Stelle. In einem beschränkten Radius können wir auf Einfälle, Erinnerungen oder Erlerntes zurückgreifen, aber nur, insofern es unsere aktuelle geistige Verfassung erlaubt. Jenseits dieses Radius liegen die essenziellen, zwar vorhandenen, aber momentan nicht abrufbaren Meinungskonstrukte, die unseren Punkt im besten Falle plausibel rüberbringen könnten.

Doch im unmittelbaren Verlauf unseres Gesprächs springt unserer Gedankenfanghaken wild in alle Richtungen, um irgendwoher einen nützlichen Einwand hervorzuholen. Die Situation, in der wir uns befinden, die Personen, mit denen wir uns unterhalten, unsere körperliche und geistige Verfassung setzen ihm dabei Grenzen, von denen er immer wieder abprallt. Nur manchmal gelingt es ihm, einen Gedanken jenseits dieser zeitweiligen Barrikaden zu erhaschen und sinnvoll in das Geflecht unserer Worte einzufügen.

Oftmals fühlen wir uns nach einem Gespräch angespannt, als hätten wir eine Aufgabe unvollendet liegen gelassen. Plötzlich lösen sich die Schranken in unserem Bewusstsein und wir können ungehindert bis in alle Ecken unserer Psyche vordringen, aus deren Quellen wir die besten und vernünftigsten Argumente schöpfen, die uns bei der Konversation partout nicht einfallen haben wollen. Nicht selten überkommt einen in solchen Momenten das Gefühl, als habe man geistig einen Rückwärtsschritt getan, den man nun wieder ausgeglichen hat.

Nur, ist es dann bereits zu spät. Warum haben wir nicht sagen können, was in uns vorging, als wir die Chance dazu hatten? Nun könnte man sagen, weil das Unterbewusstsein absichtlich gewisse Areale des Verstandes unterschlagen hat, um den Mund keine Dummheit aussprechen zu lassen. Vielleicht liegt es auch daran, dass man unkonzentriert ist, im entscheidenden Moment also den Fokus verliert und abdriftet in Belanglosigkeiten, die so nicht unbedingt der eigenen Überzeugung entsprungen sind. Oder es war die einschüchternde Ausstrahlung des Gegenübers, bei dessen Anblick sich die Gedanken wie Hasen zurück in ihre Löcher verzogen haben?

Der ein oder andere mag die Schuld in seiner mangelnden Ausdrucksfähigkeit suchen oder seiner sozialen Inkompetenz, seiner Mundfaulheit, womöglich sogar in einer nicht gefestigten Weltanschauung. Warum kann man dem Gegenüber nicht einfach offen ins Gesicht sagen, was man wirklich denkt? Hält uns die Unfähigkeit, unsere eigenen Erfahrungen in allgemeinere, weithin verständliche Beobachtungen zu übersetzen, davon ab? Möglicherweise ist jede Erkenntnis, zu der wir in unserem eigenen Leben gelangen so einzigartig, dass niemand sonst sie verstehen kann, selbst, wenn wir ab und zu einen verständnisvollen Zuspruch erhalten.

Letztlich können wir nicht davon ausgehen, dass das, was unsere Psyche formt, von allgemeiner Gültigkeit ist. Natürlich gibt es Weisheiten, mit denen sich jeder Mensch identifizieren kann, meistens lassen sich diese in wenigen Worten oder Sätzen zusammenfassen. Am Ende des Tages fügt dennoch jeder sein „aber“ hinzu, egal, wie verallgemeinert die Aussage ist. Das mag einer der Gründe sein, weshalb wir in Konversationen oftmals nur an der Oberfläche kratzen.

Jeder Schritt weiter ins Unbekannte könnte bedeuten, das Gegenüber auf dem Weg zurückzulassen. Also ist die Art, wie wir uns unterhalten falsch? Schränkt uns unsere Wesensart so sehr ein, dass wir gar nicht in der Lage sind, weiter in unsere eigene Psyche, und damit auch nicht in die des Anderen, vorzudringen?

Die Konversation müsste weniger einem Meinungsaustausch gleichkommen, als vielmehr ein gemeinsames Fortschreiten in die Tiefen des Unbewussten sein. Man selbst und das Gegenüber sollten partnerschaftlich auf die Reise gehen, um eine Wahrheit ans Licht zu fördern, die durch gemeinsame Anstrengungen entdeckt und nicht durch reinen Meinungsaustausch links liegen gelassen worden ist. 

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