Ein Gedanke zu Bildschirmen

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Das ist sicher nichts Neues und nichts, was nicht schon mal irgendwo erwähnt worden ist. Aber in letzter Zeit habe ich viel über Bildschirme, oder sagen, wir Handys, Kameras, Filme, Fotos, Social Media und Selbstinszenierung nachgedacht.

Wir haben es geschafft, die Welt einzurahmen. Und desto mehr wir einrahmen, desto weniger einzurahmende Momente erleben wir. Klar, wir steigen auf irgendeinen Berg, um eine doofes Selfie zu machen. Aber woran erinnern wir uns danach? An die Besteigung oder die steigende Anzahl von Likes hinterher auf unserem Profil?

Ich bin zwar nicht in der Lage wie ein alter Mann von früher zu sprechen, aber ich kann mir vorstellen, dass ein Foto damals einen viel größeren Wert hatte. Heute ist es Wegwerfware, die irgendwo auf dem Speicher eines Handys oder eines Laptops versauert oder von hirntoten Daumenwischern konsumiert wird.

In unserer Welt kann man sogar mir Fotos berühmt werden oder Geld verdienen, aber nicht wie früher, sondern, indem man sein dummes Leben klickfreundlich ins Szene setzt. Dabei ist es völlig egal, wie sehr der Hirnschiss stinkt, den man da in die Welt setzt, Fliegen zieht er sowieso an.

An sich ist mir das auch egal, es geht mich nichts an, wer wie sein Leben lebt. Andererseits muss ich in dieser Gesellschaft noch einige Jahren verbringen und da frage ich mich schon, wohin das führt, wenn das Leben ständig in einen Rahmen passen muss. Es wird ja viel über den freien Willen diskutiert, aber wo bleibt der, wenn alles in eine Instagramstory passen muss. Passt dieses Hobby zu meinem Lifestyle aus Social Media, kann ich einen ganz normalen Job machen oder bekomme ich dann keine Follower?

Der Mensch wollte schon immer wissen, was bei seinen Verwandten, Nachbarn und Freunden vor sich geht. Früher gab es Kaffeeklatsch, heute gibt es drei Stunden Dauerwischen am Handy. Und ebenso wie wir uns die Scheiße vom Arsch wischen, wischen wir auch hier eine Dummheit nach der anderen weg. Der einzige Unterschied: Klopapier zeigt mit der Zeit eine Wirkung, während der Dreck auf dem Handy nie weggehen wird. Wir wischen, wischen und wischen und trotzdem gehen wir mit diesem unangenehmen Jucken durch die Welt. Die Finger wollen ständig zum Hort des Reizes und die sanfte Erlösung bringen, doch es ist verpönt, insbesondere in der Öffentlichkeit. Trotzdem machen wir es. In Gesprächen, beim Überqueren der Straße, hinterm Steuer, ständig gibt es etwas zu Wischen und wir geben dem Reiz nach und befriedigen uns ohne Rücksicht auf Andere.

Es ist der größte und schmierigste Schiss, denn die Menschheit je gelassen hat.

Aber natürlich gibt es auch gute Seiten dieser Vernetzung. Verreisen oder Umziehen ist weniger einsam und all sowas. Mit Sicherheit gibt es viele gute Eigenschaften, die das alles mit sich bringt, aber die hat bestimmt schon jemand irgendwo aufgezeigt. Zurück zum Thema.

Wenn ich mir die Bilder ansehe, die ins Netz geladen werden, fehlt mir etwas. Bilder von früher hatten etwas Außergewöhnliches an sich, so als hätte dieser Moment festgehalten werden müssen. Jetzt ist jedes Bild unspektakulär und hält meine Aufmerksamkeit nicht mal für 3 Sekunden. Die Leute auf den Bildern wirken weniger photogen, egal wie schön sie sind, Landschaften hat man alle schon mal gesehen, Sehenswürdigkeiten kann man googeln. Fotos sind nichts mehr für das man sich Zeit nimmt und viel Geld investieren muss, was ja durchaus positiv ist. Aber sie haben ihren Reiz verloren. Sie sind mit unserer Sprache zu etwas verschmolzen, dass wir Kommunikation nennen, das letztlich aber nicht den leisesten Ansatz von Informationen übermittelt. Es ist nur eine Dummheit, ein kurzweiliger Zeitvertrieb zwischen dem letzten Tschüss und dem nächsten Hallo.

Und es wird immer härter, sich von den Personen auf diesen Bildern zu distanzieren, denn reale Menschen sind das nicht. Sie sind Fotomenschen, eine Kopie von uns selbst, die wir erfinden, um Teil von etwas zu sein, dass sich jeglicher Kontrolle entzieht. Wir sind also hin- und hergerissen zwischen unserem langweiligen Alltagsleben und dem spannenden, klickbasierten Existieren in Bildschirmen. Wir leben wie zwischen zwei Polen, die beide gleichermaßen stark an uns ziehen. Unsere Persönlichkeit wird in die Länge gezogen, wird oberflächlich, langweilig. Wir starren uns die Augen aus dem Kopf, um zwei Leben auf einmal zu führen. Als wären wir nicht schon genügend Persönlichkeiten mit Bewusstsein und Unterbewusstsein, als Kind, als Freund, als Eltern, als Kollegen, als Chefs von jemandem.

Wo wird das enden?

Wer immer nur Fotos macht, der bewertet sich nur äußerlich. Niemand findet seinen Charakter hässlich auf einem Foto und würde darauf kommen, etwas ändern zu müssen. Gut auszusehen ist leicht. Fett weg retuschieren, Licht anpassen und Filter drüber. Perfektes Bild, perfekte Täuschung. Niemand sieht mehr aus wie im echten Leben. Niemand redet mehr wie im echten Leben. Niemand weiß, ob es noch ein echtes Leben gibt.

Diese Verzerrung hat mit dem Aufkommen des Fernsehens als Massenmedium bestimmt schon Extreme erreicht, die wir uns nie erträumt hatten, aber was kann dann erst die totale Entfremdung durch die vollständige Digitalisierung anrichten? Wenn wir unsere Persönlichkeit mit unserem Handy in die Tasche stecken, wer ist dann da draußen unterwegs? Wer geht für uns durch die Welt? Eine Hülle, die mit anderen Hüllen interagiert, um später das Erlebnis in eine hüllenlose Second-Reality zu transferieren.

Eigentlich schade, dass wir unseren Körper noch brauchen. Der Tag, an dem es uns gelingt, Strom zu essen, wird der Tag sein, an dem die Menschheit ein für alle mal unter Nullen und Einsen begraben wird. Weil dann sowieso alles nicht-real sein wird, ist auch das egal.

Ich hoffe nur, dass wir bis dahin unsere Emotionen von unserem fleischlichen Körper trennen können. Denn Gefühle, Empfindungen, Schmerzen sind sowas von out. Man kann sie nicht einrahmen und irgendwo hochladen, dafür sind sie zu echt. Wenn nichts mehr echt ist, wer schreibt dann diesen Text?

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