Dichtwoch #52 – Jahresende

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Die letzten Tage des Jahres schmelzen dahin wie der Schnee, der nicht gefallen ist. Die letzten Überbleibsel des diesjährigen Ichs werden verzehrt, wie die Krümel des Kuchens von Omas Hund. Die Tage werden kürzer, wenn das Jahr endet. Noch einmal schlendert man in Winterklamotten an alten Verhaltensmustern entlang. Die ersten Vorsätze fürs neue Jahr werden gemacht, zu den Silvesterraketen gepackt und in der letzten Nacht am Himmel verteilt, gezählt und vergessen. Man geht über ins neue Selbst, von dem man sich mehr Selbstbeherrschung verspricht, trinkt Champagner und gelobt, das alte hinter sich zu lassen. Dann liegt wieder ein Jahr vor einem, klein wie ein Berg am weiten Horizont. Je weiter man voranschreitet, desto unbezwingbarer wird er. Und man erkennt, Fehler haben nichts mit Jahreszahlen gemeinsam und das Leben ist ein Reifeprozess ohne Eignungstest. Die Guten kommen ins selbe Körbchen wie die Schlechten und anders als im Märchen lebt man vielleicht nicht glücklich bis zum Ende. Aber das ist egal, wenn man nicht ständig in Tagen, Stunden und Sekunden zählt, sondern sich und dem Leben eine Chance gibt.

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