Dichtwoch #47 – Schneemann

Immer wenn es Sommer ist… Nein, es ist Winter. Nur dann blühen Mauerblumen in Mauerritzen auf. Dabei weiß jeder: Winter ist die Zeit zum Traurigsein und ich bin es nicht. Dieses Jahr war ich auf Reisen und nie weiter weg als dort, wo ich stand. Ich entdeckte fremde Länder, alte Kinder, Phasentrinker und einen Verrückten. Sie alle hielten einen Wegweiser zum Jetzt in der Hand und ich verzieh ihnen. Ich wurde Vater, gebar meine Zukunft. Sie lernt gerade das Laufen, irgendwo dort hinten, jenseitig des Unbewussten. Zwischen vielleicht und morgen fand ich einen Sinn. Ich war nicht ich selbst und war alles, was ich sein sollte. Es ist lustig, ist es schon immer gewesen. So lernt man aus Fehlern und schafft Raum für neue. Im Ist besteht kein Platz für Reue. Im Nichts kein Platz für Versäumtes. Es geht mich nichts an. Wessen Sorgen das sind, habe ich längst vergessen. Über Bord, hinweg, dort machen sie sich besser. Aus Schneemännern werden in der Sonne Wassermänner, im Winter ist es umgekehrt. Deswegen ist mir kalt vor lauter Ungewissheit, wie damals im Februar, als man entschied, mir einen Namen zu geben. Und wie damals entschied ich mich fürs Leben.

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Von Lukas Böhl

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